Freigelassene Geiseln in Obhut der deutschen Botschaft

Nach ihrer Freilassung sind die auf den Philippinen von islamistischen Separatisten verschleppten Deutschen in Sicherheit. Das Paar wohnt nach Angaben des Auswärtigen Amtes vorerst beim deutschen Botschafter in der philippinischen Hauptstadt Manila.

Psychologen und Ärzte helfen dem 72 Jahre alten Arzt und seiner 55 Jahre alten Lebensgefährtin, wie eine Ministeriumssprecherin sagte. Beide sahen auf einem vom Militär veröffentlichten Video abgemagert aus, konnten aber laufen. Wann sie nach Deutschland fliegen können, ist noch unklar.

Mitglieder der Terrorgruppe Abu Sayyaf hatten das Paar vor sechs Monaten während einer Segeltour gekidnappt. Die Entführer hatten vier Millionen Euro Lösegeld gefordert und mit der Enthauptung des aus dem Rheingau stammenden Mannes gedroht, wenn nicht gezahlt wird. Nach Angaben der Entführer wurde das Lösegeld in voller Höhe übergeben. Die Bundesregierung möchte dazu keine Stellung beziehen.

Sollten die Angaben von Abu Sayyaf stimmen, wäre dies wohl die bedeutendste Einnahme für die Islamisten, seit sie im Jahr 2000 eine Gruppe von 21 Menschen entführten, darunter die deutsche Familie Wallert. «Das ist ein sehr, sehr schlechtes Signal, denn man vermittelt den Menschen damit, dass Kidnapping ein sehr einfacher Weg ist, um an Geld zu kommen», sagte die verteidigungspolitische Analystin Clarita Carlos.

Das Auswärtige Amt in Berlin rät weiterhin, die Insel Mindanao wegen der Gefahr von Entführungen unbedingt zu meiden. Analysten befürchten, dass die Terroristen nun noch mehr Attacken im Land verüben und Geiseln nehmen. «Jetzt haben sie das Geld, um zu rekrutieren», sagte Carlos. Besonders bedroht seien hellhäutige Menschen, weil die Islamisten davon ausgingen, dass deren Regierungen zahlten.

Der philippinische Präsident Benigno Aquino war laut einer Sprecherin «glücklich», als er von der Freilassung der beiden Deutschen erfuhr. Doch zeigte er sich besorgt über den Gesundheitszustand des Paares. Auf Fotos, die das Militär veröffentlichte, hat der Mann Blutergüsse und bekommt eine Infusion. Sie seien möglicherweise noch erschöpft, sagte General Tutaan der Nachrichtenagentur dpa. «Aber jetzt sind sie in sicheren Händen.»

Das Paar hatte bei Interviews im lokalen Radio gesagt, dass sie die ganze Zeit auf feuchtem Boden und unter freiem Himmel schlafen mussten. Der Mann beschrieb ihre Situation als «lebendige Hölle». Die Entführer verbreiteten die Audio- und Videobotschaften, um Druck auf die Bundesregierung auszuüben. In einer Szene wird der weinende 72-Jährige geschlagen und herumgestoßen.

Am Freitag waren die Entführten aus dem Dschungelversteck freigelassen worden. Per Schiff gelangten sie von der Insel Jolo in die Stadt Zamboanga, wo sie von der Marine erstversorgt wurden. Dann ging es mit dem Flugzeug fast 1000 Kilometer nach Norden in die Hauptstadt. Dort empfing sie der deutsche Krisenbeauftragte Rüdiger König.

Die Terrorgruppe Abu Sayyaf kämpft im muslimischen Süden der sonst überwiegend katholischen Philippinen für einen eigenen Staat. Die Gruppe hat der Terrororganisation Islamischer Staat (IS), die in Syrien und im Irak Angst und Schrecken verbreitet, ihre Verbundenheit erklärt. Immer wieder erpresste Abu Sayyaf in der Vergangenheit mit Geiselnahmen Geld, um ihren Kampf zu finanzieren.

Die Extremisten verübten einige der schlimmsten Terroranschläge, die das südostasiatische Land in den vergangenen Jahrzehnten erlebte. Die Gruppe war im Jahr 2000 auch für die Entführung der Familie Wallert und 18 anderer Geiseln von einer Taucherinsel in Malaysia verantwortlich. Die Wallerts kamen erst nach mehr als drei Monaten frei - nachdem Millionen Dollar gezahlt worden waren.

Mehrere andere Geiseln sind noch in der Gewalt von Abu Sayyaf. Vermisst werden unter anderem zwei Vogelbeobachter aus den Niederlanden und der Schweiz sowie zwei Malaysier und ein Japaner. Das philippinische Militär erklärte, derzeit in einer Offensive gegen die Terrorgruppe vorzugehen, um die anderen Gefangenen zu befreien.