Friedenspreisträger Lanier: «Wir leben in gruseligen Zeiten»

Die Anhäufung von immer mehr Daten macht Geheimdienste nach Ansicht des US-Informatikers Jaron Lanier nicht klüger.

Friedenspreisträger Lanier: «Wir leben in gruseligen Zeiten»
Arne Dedert Friedenspreisträger Lanier: «Wir leben in gruseligen Zeiten»

Das obsessive Sammeln von Daten gehe mit wachsender Inkompetenz einher, sagte Lanier, der am Sonntag mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wird. Als Beispiel nannte er das Erstarken der Terrormiliz Islamischer Staat in Syrien und im Irak, das von den US-Geheimdiensten erst spät bemerkt worden sei. Auf der Frankfurter Buchmesse rief Lanier am Freitag zur Verteidigung humanistischer Werte im Internet auf.

«Informationen sind Macht», sagte Lanier, der als Forscher an der Entwicklung des globalen Computernetzes mitwirkte. Wenn ein Staat mit den Daten seiner Bürger zu viel Macht erhalte, werde die Demokratie untergraben. In Deutschland erinnere das Beispiel der DDR daran, wie stark eine zentralisierte Informationsmacht in das Leben der Menschen eingreife.

«Wir leben in sehr gruseligen Zeiten», sagte Lanier. Wer seine Daten Internet-Diensten wie Google und Facebook kostenlos überlasse, trage dazu bei, dass sich der Reichtum in den Händen weniger Milliardäre konzentriere. Zugleich werde die breite Mittelschicht der Gesellschaft geschwächt. Dies erinnere ihn an die Kolonialzeit, als die Ausbeutung von Rohstoffen in neu besiedelten Ländern den dort lebenden Menschen keinerlei Nutzen gebracht habe.

Die Auszeichnung mit dem Friedenspreis habe ihn sehr überrascht, sagte Lanier. Er nutze den Preis als Chance, um für neue Ansätze im Umgang mit den Möglichkeiten digitaler Netze zu werben. Der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Heinrich Riethmüller, sagte, Lanier verbinde das Eintreten für humanistische Werte mit amerikanischem Pragmatismus. Der 54-Jährige zeige Alternativen zum Schwarz-Weiß-Denken auf, «das oft entsteht, wenn wir die Zusammenhänge nicht begreifen.»

Der Friedenspreis soll dem Frieden, der Menschlichkeit und der Verständigung der Völker dienen. Er ist mit 25 000 Euro dotiert. Im vergangenen Jahr ging der Preis an die weißrussische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch.