Gabriel auf der Spur des rechten Mobs

Hassan Hassani steht schüchtern vor dem hohen, mit weißer Baufolie verkleideten Metallzaun, der die Notunterkunft vom Parkplatz abschirmt.

Gabriel auf der Spur des rechten Mobs
Oliver Killig Gabriel auf der Spur des rechten Mobs

«Wir trauen uns nicht raus. Die Polizei sagt, dass es sicher ist», sagt der Afghane auf Englisch. Er ist erst 20, flüchtete aus der Nähe von Kabul, kam in ein Flüchtlingsheim nach Chemnitz und bestieg dann einen Bus nach Heidenau.

Die Bilder, wie dort ein rechter Mob zwei Nächte lang die Ankunft von Flüchtlingen verhindern wollte und Polizisten mit Feuerwerksraketen beschoss, haben Deutschland aufgewühlt. Hassan haben sie traurig gemacht: «Unser Bus wurde mit Steinen beworfen. Wir hatten Angst. Wir haben dem Busfahrer gesagt: Drehen Sie um!» 

Während Hassan erzählt, stehen keine zehn Meter entfernt ein paar Anwohner in der prallen Sonne. Sie warten auf den Vizekanzler, der auf seiner Sommerreise durch den Osten die Station Heidenau kurzfristig mitaufgenommen hat. Eine Frau lehnt an ihrem blauen Fahrrad. Mit Frauen und Kindern in Not habe sie kein Problem. Aber mit den «jungen Kerlen» unter den Flüchtlingen: «Es könnte doch sein, dass die sich an unsere jungen Mädchen ranmachen. Das Gymnasium liegt doch ganz in der Nähe.» 

Um 11.48 Uhr rollt der schwarze Dienstwagen mit Gabriel vor. Er geht gleich auf die wartenden Heidenauer zu, mehrere Personenschützer sind dabei. Eine ältere Frau aus Dresden schüttelt Gabriel die Hand, dann legt sie los: «Wenn die alle hierbleiben, die haben ja alle Großfamilien zuhause, die kommen ja auch alle automatisch hierher.»

Gabriel erwidert, die Politik rechne mit etwa 200 000 Familien-Nachzüglern über mehrere Jahre. Die Deutschen würden immer älter, die Republik brauche Arbeitskräfte und Rentenzahler. Er könne ihre Sorgen zwar verstehen: «Das ist aber kein Grund, hier vorne mit solchen Spinnern und dem Mob aufzumarschieren.» Mit den Nazis will die Frau nichts zutun haben: «Das hasse ich auch.» 

Danach führen die Einsatzleiter vom Roten Kreuz Gabriel ihn die riesige Halle, wo die pleitegegangene Baumarktkette Praktiker früher Tierfutter, Hammer und Bohrmaschinen verkaufte. Die Luft ist mies, die wenigen Oberlichter an der Decke sind zugeklebt, alte Praktiker-Tafeln hängen an den Wänden.

Notdürftig haben die Helfer mit Planen einzelne Räume abgetrennt. Derzeit sind 320 Flüchtlinge da, bis zu 700 könnten es nach Angaben des Heidenauer Bürgermeisters werden. Auf Feldbetten liegen ein paar Männer mit ihren Schlafsäcken. THW-Mitarbeiter haben vier orangene Container aufgebaut - Dusche und WC. 

Mehrere junge Männer umringen Gabriel. Sie sind aus dem Jemen, Irak, Syrien. Der Jemenit erzählt dem SPD-Chef, dass er ein Jahr für die Flucht über die Türkei gebraucht habe. Zwei Monate war er in Tschechien im Gefängnis. Knapp 30 Minuten ist Gabriel bei den Flüchtlingen. Dann sind die Kameras und Mikrofone dran. «Wer hierherkommt und hier Parolen brüllt, Brandsätze schmeißt, Steine schmeißt, im Internet dazu aufruft, Leute umzubringen oder körperlich zu verletzen, diejenigen haben nur eine einzige Antwort von jedem von uns verdient: Ihr gehört nicht zu uns, euch wollen wir nicht!»

In Berlin findet auch die Kanzlerin klare Worte. Die dumpfen Hassbotschaften von Rechtsextremen und Nazis seien abstoßend. «Aber es ist genauso beschämend, wie Bürgerinnen und Bürger, sogar Familien mit Kindern, durch ihr Mitlaufen diese Dinge noch einmal unterstützen», sagt Merkel am Nachmittag im Kanzleramt am Rande eines Treffens mit Frankreichs Präsident François Hollande. 

In Heidenau wird Gabriel gefragt, ob Merkel und er in der Flüchtlingsfrage an einem Strang ziehen? Gabriel lächelt vielsagend. «Was wir gar nicht brauchen, ist jetzt dauerhaften parteipolitischen Streit. Weder sollten Land, Bund und Kommunen gegenseitig auf sich zeigen, noch die demokratischen Parteien.» Nur hält sich seine eigene Partei nicht unbedingt daran.

Gabriels Generalsekretärin Yasmin Fahimi warf Merkel vor, nach den Heidenau-Nächten zu lange geschwiegen zu haben. Die im 25-Prozent-Umfrageturm eingemauerte SPD wittert wohl die Chance, die Union in der Asyl- und Flüchtlingspolitik vor sich hertreiben zu können. Gabriel selbst hat sowieso keine Berührungsängste. Zu Jahresanfang tauchte er als «Privatmann» bei einer Diskussionsrunde in Dresden unter anderem mit Pegida-Leuten auf, was in der SPD nicht alle gut fanden.

Legendär sein Parteitagscredo von 2009: «Wir müssen raus ins Leben, dahin, wo es laut ist, wo es brodelt, wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt.» In Heidenau ist er ziemlich nah dran. Bürgermeister Jürgen Opitz von der CDU versucht sich tapfer an der Ehrenrettung für sein 16 500 Einwohner zählendes Städtchen versucht: «Wir sind kein Nazi-Nest.» Jetzt hofft Opitz, dass «morgen oder übermorgen» auch die Kanzlerin kommt.