Gauck: Flüchtlingskrise vergleichbare Aufgabe wie deutsche Einheit

Bundespräsident Joachim Gauck hält die Integration Hunderttausender Flüchtlinge für eine ähnlich große Aufgabe wie die deutsche Wiedervereinigung.

Gauck: Flüchtlingskrise vergleichbare Aufgabe wie deutsche Einheit
Ralph Orlowski Gauck: Flüchtlingskrise vergleichbare Aufgabe wie deutsche Einheit

«Wie 1990 erwartet uns eine Herausforderung, die Generationen beschäftigen wird. Doch anders als damals soll nun zusammenwachsen, was bisher nicht zusammen gehörte», sagte der Bundespräsident zum 25. Jahrestag der deutschen Einheit.

Ost- und Westdeutsche sprächen dieselbe Sprache und blickten auf dieselbe Kultur und Geschichte zurück. «Wie viel größere Distanzen dagegen sind zu überwinden in einem Land, das zum Einwanderungsland geworden ist.» Die Debatte über Ziel und Ausmaß der Aufgabe sei in einer Demokratie auch mit Kontroversen verbunden. «Aber meine dringende Bitte an alle, die mitdebattieren, ist: Lassen Sie aus Kontroversen keine Feindschaften entstehen», sagte Gauck unter großem Beifall.

Zu dem zentralen Festakt zur deutschen Einheit hatten sich am Samstag die Spitzen von Staat und Gesellschaft in der Alten Oper in Frankfurt versammelt, unter ihnen auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle. Merkel sagte vor Beginn der Feierstunde mit Blick auf die Bewältigung der Flüchtlingskrise: «Das müssen wir gemeinsam schaffen, Deutschland, Europa und die Welt, jeder seine Aufgabe dabei erfüllen.»

Gauck rief Einheimische wie Zuwanderer in seiner Rede zur Achtung demokratischer Grundwerte auf. «Gerade weil in Deutschland unterschiedliche Kulturen, Religionen und Lebensstile zuhause sind, gerade weil Deutschland immer mehr ein Land der Verschiedenen wird, braucht es die Rückbindung aller an unumstößliche Werte. Einen Kodex, der allgemein als gültig akzeptiert ist», sagte er.

«Hier ist die Würde des Menschen unantastbar. Hier hindern religiöse Bindungen und Prägungen die Menschen nicht daran, die Gesetze des säkularen Staates zu befolgen. Hier werden Errungenschaften wie die Gleichberechtigung der Frau oder homosexueller Menschen nicht infrage gestellt und die unveräußerlichen Rechte des Individuums nicht durch Kollektivnormen eingeschränkt - nicht die der Familie, nicht der Volksgruppe, nicht der Religionsgemeinschaft. Hier gewinnt der Satz "Toleranz für Intoleranz wird es bei uns nicht geben" seine Basis.»

Gauck äußerte zugleich Verständnis für Ängste in der Bevölkerung angesichts der wachsenden Flüchtlingszahlen. Es spüre wohl fast jeder, wie sich in die große Hilfsbereitschaft der Menschen auch Sorge schleiche, «wie das menschliche Bedürfnis, Bedrängten zu helfen, von der Angst vor der Größe der Aufgabe begleitet wird», sagte der Bundespräsident und wiederholte seinen Satz. «Dies ist unser Dilemma: Wir wollen helfen. Unser Herz ist weit. Aber unsere Möglichkeiten sind endlich.»