Gauck würdigt stille Helden im Widerstand gegen Nazi-Terror

Anlässlich der antisemitischen Pogromnacht vom 9. November 1938 hat Bundespräsident Joachim Gauck die stillen Helden im Widerstand gegen die Nazi-Diktatur gewürdigt.

Gauck würdigt stille Helden im Widerstand gegen Nazi-Terror
Britta Pedersen Gauck würdigt stille Helden im Widerstand gegen Nazi-Terror

Auch in schlechten Zeiten habe man immer die Wahl, das Richtige zu tun und seinem Gewissen zu folgen, sagte Gauck am Freitag in Berlin.

Dort besuchte das Staatsoberhaupt das Museum «Blindenwerkstatt Otto Weidt». Der Bürstenfabrikant Weidt (1883-1947) beschäftigte während des Zweiten Weltkriegs hauptsächlich blinde und gehörlose Juden. Er versuchte, sie vor der Deportation in die Vernichtungslager zu bewahren.

An diesem Samstag jährt sich die Reichspogromnacht vom 9. November 1938 zum 75. Mal. Damals wurden mehr als 1000 Synagogen sowie viele jüdische Geschäfte, Arztpraxen, Betriebe und Wohnhäuser zerstört. Tausende Juden wurden gedemütigt, verhaftet und ermordet. Viele wurden in den Monaten danach in den Tod getrieben, etwa 30 000 in Konzentrationslager verschleppt. Die Pogrome waren der Auftakt zur völligen Entrechtung der Juden in Deutschland. Früher wurden die damaligen Ereignisse verharmlosend «Reichskristallnacht» genannt.

Gauck nimmt am Jahrestag der Pogrome zunächst an einer Gedenkveranstaltung im brandenburgischen Eberswalde teil, wo das Denkmal «Wachsen mit Erinnerung» übergeben wird. Er wird vom Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, begleitet. Am Abend spricht der Bundespräsident in Frankfurt (Oder) vor einem Konzert des Brandenburgischen Staatsorchesters Frankfurt. Auch in vielen anderen Städten wird an diesem Wochenende an den Naziterror erinnert und der Opfer gedacht.

Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, warnte vor einem Bedeutungsverlust des Gedenktages. Häufig sei in Deutschland nur noch ritualisierte Betroffenheit anzutreffen, sagte Graumann der «Neuen Osnabrücker Zeitung» (Samstag). Diese sei immerhin «noch besser als ein planvolles Vergessen». Er persönlich wünsche sich von den Deutschen allerdings eine «ehrliche, emotionale Anteilnahme».

Jüdische Organisationen, der Zentralrat der Sinti und Roma und andere gesellschaftliche Gruppen fordern indes eine Entschädigung der noch lebenden Nazi-Opfer. «Die Bundesrepublik Deutschland hat lange genug auf Zeit gespielt», heißt es in einem am Freitag veröffentlichten Appell. Der neue Bundestag müsse jetzt die «letzte Chance» nutzen, um allen noch lebenden Opfern zu ihrem Recht zu verhelfen.

Regierungssprecher Steffen Seibert sagte dazu, die Bundesregierung sei sich der «enormen Verantwortung» bewusst, die aus den Verbrechen von Nazi-Deutschland resultiere. Die Hilfen für Opfer seien über die Jahre hinweg immer wieder aufgestockt worden. Dazu gebe es auch «turnusmäßig Gespräche».

In Erinnerung an die Pogromnacht vor 75 Jahren treffen rund 200 Rabbiner aus Europa in Berlin zusammen. Der amtierende Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) soll bei einer Gedenkveranstaltung am Sonntag sprechen.

Gauck nannte Weidts Werkstatt am Freitag eine «Insel der Humanität» in einer schrecklichen Zeit. «Leben muss nicht misslingen. Es kann sich auch erfüllen in Humanität», sagte der Bundespräsident. Weidt unterstützte nach Kriegsende den Aufbau eines jüdischen Kinder- und Altenheimes in Berlin-Niederschönhausen. Er starb 1947 im Alter von 64 Jahren.

Der Fabrikant besorgte seinen jüdischen Schützlingen Nahrungsmittel, falsche Papiere und Verstecke. Aber nicht jeder Rettungsversuch glückte. Die genaue Anzahl der Menschen, die er vor dem Tod bewahrte, ist nicht bekannt. Zu ihnen gehört die 91 Jahre alte Autorin Inge Deutschkron, die Gauck auf seinem Rundgang durch die einstige Werkstatt begleitete und ihm von ihren Erlebnissen berichtete. Sie fand 1941 eine Anstellung bei Weidt. Später halfen ihr auch andere Menschen, den Naziterror zu überleben.