Gauck zu Auschwitz: Erinnern ist nicht genug

 Gedenktage, sagt Joachim Gauck morgens im Bundestag, könnten zu einem Ritual erstarren. Zu einer leeren Hülle, gefüllt mit den stets gleichen Beschwörungsformeln.

Gauck zu Auschwitz: Erinnern ist nicht genug
Wolfgang Kumm Gauck zu Auschwitz: Erinnern ist nicht genug

Dass dies nicht geschehen möge an diesem 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, dazu will der Bundespräsident beitragen. Und er tut es mit sehr persönlichen, bewegenden Worten: «Solange ich lebe, werde ich darunter leiden, dass die deutsche Nation mit ihrer so achtenswerten Kultur zu den ungeheuerlichsten Menschheitsverbrechen fähig war.»

Selbst eine noch so überzeugende Deutung dieses Kulturbruchs «wäre nicht imstande, mein Herz und meinen Verstand zur Ruhe zu bringen», fügt der Bundespräsident gefühlvoll an. Ein Bruch sei «eingewebt in die Textur unserer nationalen Identität, der im Bewusstsein quälend lebendig bleibt».

Vor dem polnischen Auschwitz-Überlebenden Marian Turski und den Spitzen von Staat, Religionen und Gesellschaft sagt Gauck, was aus seiner Sicht zu sagen ist. Dass es eine «zweite Schuld» der Deutschen gegeben habe, weil sie sich der Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen lange Zeit nicht gestellt und der Entschädigung für die Opfer lange verweigert hätten. «Diese zweite Schuld gab es in Deutschland zwei Mal - in der früheren Bundesrepublik wie auch in der DDR.» Und das Staatsoberhaupt fügt hinzu: «Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz.»

Doch Erinnern allein sei nicht genug, sagt Gauck, «denn aus dem Erinnern ergibt sich ein Auftrag». Mindestens zwei solcher Aufträge formuliert der Bundespräsident und folgt dabei den Schwerpunkten seiner fast dreijährigen Amtszeit.

Aus Erinnerung erwächst Verantwortung, sagt er, vor allem dafür, dass Völkermord und Kriegsverbrechen möglichst durch rechtzeitige Prävention verhindert werden. Er nennt Kambodscha, Ruanda, Srebrenica, auch Syrien und den Irak. Gauck knüpft so an seine Rede vor der Münchner Sicherheitskonferenz vor genau einem Jahr an: Deutschland müsse sich mehr als bisher seiner internationalen Verantwortung stellen - im äußersten Fall auch militärisch, hatte er dort gesagt. Auch wegen Auschwitz sei diese Verantwortung «größer und verpflichtender als anderswo».

Die zweite Botschaft betrifft die Gesellschaft und die aktuelle Debatte noch direkter. Die Deutschen müssten sich «jeder Art von Ausgrenzung und Gewalt entgegenstellen, und jenen, die vor Verfolgung, Krieg und Terror zu uns flüchten, eine sichere Heimstätte bieten». In Tagen, in denen Fremdenfeinde und Islamkritiker die innenpolitische Debatte prägen, ist dies eine klare Ansage - Stichwort Pegida.

Aber Gauck warnt auch vor einem neuen Antisemitismus und Hass auf Israel, den manche Zuwanderer nach Deutschland bringen. Diese Menschen müssten auf die Werte dieser Gesellschaft verpflichtet werden. Auch das ist eine ganz aktuelle Botschaft.

Der Bundespräsident wollte am Nachmittag keine 600 Kilometer von Berlin entfernt im polnischen Oswiecim gemeinsam mit anderen Staats- und Regierungschefs der Befreiung des NS-Vernichtungslagers Auschwitz gedenken. Von einem Ritual dürfte dann ebenfalls wenig zu spüren sein. Denn die meisten Politiker werden schweigen. Stattdessen kommen Überlebende zu Wort.