Gedenken in Auschwitz: Erinnern ist nicht genug

 Bundespräsident Joachim Gauck war gerade angekommen in Oswiecim, dem Ort, den die Deutschen und die Welt als Auschwitz kennen.

Gedenken in Auschwitz: Erinnern ist nicht genug
Jacek Bednarczyk Gedenken in Auschwitz: Erinnern ist nicht genug

Er war ein paar Meter durch den Schneematsch gestapft und hatte Platz genommen im riesigen Zelt, das die Staatsgäste und Zeitzeugen vor Kälte und Nieselregen schützte. Der polnische Präsident Bronislaw Komorowski ergriff das Wort, der einzige Politiker, der an diesem Nachmittag sprechen sollte, und er bezog sich nicht nur auf die Vergangenheit.

«Erinnern wir uns daran, wozu der Bruch internationalen Rechts auf Selbstbestimmung von Nationen führt», sagte Komorowski, und niemand konnte missverstehen, was der Pole meinte: Russland und den Konflikt in der Ukraine.

Es waren Soldaten der Roten Armee, die am 27. Januar 1945 das deutsche Vernichtungslager Auschwitz befreiten, wo über eine Million Menschen ermordet wurden. Ausdrücklich sprach Komorowski von Dankbarkeit und Wertschätzung dieser Soldaten, die ihr Bestes taten, die dem Tode nahen Häftlinge zu retten.

Der russische Präsident Wladimir Putin war nicht unter den Staats- und Regierungschefs, die des historischen Ereignisses gedachten. Nicht eingeladen, wie der Kreml behauptet. Einfach nicht gekommen, wie die Polen meinen. Putin war der große Abwesende des Gedenkens. Dabei war aber der ukrainische Präsident Petro Poroschenko.

Die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, die die Feier organisierte, hat nach eigenen Angaben keine Staats- und Regierungschefs eingeladen. Es sei jedem freigestellt, zu kommen, hieß es.

Und doch konnten die internationalen Krisen das Gedenken nicht überschatten, denn drei Überlebende legten Zeugnis ab, Halina Birenbaum, Kazimierz Albin und Roman Kent. Die Politiker schwiegen. «Erinnern ist nicht genug», sagte Kent unter Tränen. «Wir müssen unsere Kinder Toleranz und Verständnis lehren». Hass sei niemals richtig. «Und Liebe niemals falsch.»

Wenige Stunden zuvor hatte Gauck im Bundestag gesprochen. Gedenktage könnten zu einem Ritual erstarren, sagte er da. Zu einer leeren Hülle, gefüllt mit den stets gleichen Beschwörungsformeln.

Doch das geschah am Dienstag in Auschwitz nicht. Auch eine Dokumentation des US-Regisseurs Steven Spielberg, der ebenfalls an der Gedenkfeier teilnahm, über das Grauen von Auschwitz, die industrielle Vernichtung von Menschenleben, trug zur hoch emotionalen und bewegenden Atmosphäre bei.

Gauck hatte im Bundestag gesagt, was aus seiner Sicht zu sagen ist. Dass es eine «zweite Schuld» der Deutschen gegeben habe, weil sie sich der Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen lange Zeit nicht gestellt und der Entschädigung für die Opfer lange verweigert hätten. «Diese zweite Schuld gab es in Deutschland zwei Mal - in der früheren Bundesrepublik wie auch in der DDR.» Und das Staatsoberhaupt fügte hinzu: «Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz.»

Doch Erinnern allein sei nicht genug, sagte auch Gauck, «denn aus dem Erinnern ergibt sich ein Auftrag». Mindestens zwei solcher Aufträge formulierte der Bundespräsident und folgte dabei den Schwerpunkten seiner fast dreijährigen Amtszeit.

Aus Erinnerung erwächst Verantwortung, sagte er, vor allem dafür, dass Völkermord und Kriegsverbrechen möglichst durch rechtzeitige Prävention verhindert werden. Er nennt Kambodscha, Ruanda, Srebrenica, auch Syrien und den Irak. Gauck knüpfte so an seine Rede vor der Münchner Sicherheitskonferenz vor genau einem Jahr an: Deutschland müsse sich mehr als bisher seiner internationalen Verantwortung stellen - im äußersten Fall auch militärisch, hatte er dort gesagt. Auch wegen Auschwitz sei diese Verantwortung in Deutschland «größer und verpflichtender als anderswo».

Die zweite Botschaft betrifft die Gesellschaft und die aktuelle Debatte noch direkter. Die Deutschen müssten sich «jeder Art von Ausgrenzung und Gewalt entgegenstellen, und jenen, die vor Verfolgung, Krieg und Terror zu uns flüchten, eine sichere Heimstätte bieten». In Tagen, in denen Fremdenfeinde und Islamkritiker die innenpolitische Debatte prägen, ist dies eine klare Ansage - Stichwort Pegida.

Dass Deutschland vielleicht noch mehr als andere Länder unter Beobachtung steht, was Antisemitismus und Fremdenhass angeht, unterstrich Ronald Lauder, der Präsident des jüdischen Weltkongresses. Juden seien wieder Ziel von Hass und Gewalt, sagte er, «in Paris, Budapest, London, sogar Berlin.»