Geheimsache Kunst: Bundesregierung wusste von Sensationsfund

Gut zweieinhalb Jahre haben Experten den sensationellen Fund von verschollen geglaubten Kunstwerken in München als strikte Geheimsache behandelt.

Die Bundesregierung allerdings wusste schon einige Zeit von der schier unbezahlbaren Gemäldesammlung, die Fahnder im Frühjahr 2011 in einer Privatwohnung beschlagnahmten. Sie sei «seit mehreren Monaten über den Fall unterrichtet», sagte am Montag Regierungssprecher Steffen Seibert.

Für Dienstag kündigte die Staatsanwaltschaft Augsburg eine Pressekonferenz an, zu der auch die Berliner Kunstexpertin Meike Hoffmann erwartet wird. Sie untersucht den Raubkunstfund. Fraglich ist, ob bei der Beschlagnahme tatsächlich alle Bilder des Sammlers entdeckt wurden.

Die Sammlung besteht aus gut 1500 Arbeiten, darunter Werke von Pablo Picasso, Henri Matisse, Paul Klee und Albrecht Dürer. Nach Recherchen des Nachrichtenmagazins «Focus» wurden sie in der Wohnung des 79-jährigen Cornelius Gurlitt entdeckt, Sohn des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt. Die kostbaren Kunstobjekte sollen zwischen lauter Müll gelegen haben.

Dem Bericht zufolge hatten die Nationalsozialisten die Werke jüdischen Sammlern geraubt oder als sogenannte entartete Kunst gewertet und konfisziert. Für mindestens 200 Objekte liegen laut «Focus» offizielle Suchmeldungen vor. Den Wert der Sammlung gibt das Magazin mit rund einer Milliarde Euro an. Hildebrand Gurlitt hatte stets behauptet, seine Sammlung sei während des großen Bombenangriffs auf Dresden am 13. Februar 1945 verbrannt.

Ob aus dem Ausland bereits Besitzansprüche für einzelne Werke gemacht wurden, konnte Seibert nicht sagen. Er habe «keine Informationen» darüber. Die kostbaren Werke sollen in einem Depot in Garching bei München lagern, wo sie von Sachverständigen untersucht werden. Auch die Herkunft der Bilder soll geklärt werden.

Das ist ganz im Sinne des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann. «Auch wenn die Suche nach den ursprünglichen Eigentümern sehr lange dauern mag, sie lohnt sich allemal: Späte Gerechtigkeit ist besser, als gar keine», sagte er der Wochenzeitung «Jüdische Allgemeine». Der Fund mache einmal mehr deutlich: «Der Holocaust war nicht nur Massenmord, sondern auch Massenraubmord.»

Allerdings ist fraglich, ob bei der Beschlagnahme tatsächlich alle Kunstwerke entdeckt wurden. Im Spätsommer 2011, einige Monate nach der Durchsuchung, hatte Gurlitt, der Sohn des bekannten Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, das Gemälde «Löwenbändiger» von Max Beckmann zur Auktion abgegeben. Das bestätigte das Kölner Kunsthaus Lempertz am Montag der dpa. Misstrauisch sei man nicht geworden. «Das wirkte, als habe Herr Gurlitt als alter Mann sein Kronjuwel geholt, um für die letzten Jahre noch flüssiges Kapital zu haben», sagte der Justiziar des Auktionshauses Karl-Sax Feddersen. Dies sei der erste Kontakt zu Gurlitt gewesen.

Über das Auftauchen des als verschollen geglaubten Kunstwerks sei man sehr erfreut gewesen, sagte Feddersen. Laut Auktionskatalog war es zuletzt 1956 bei einer Ausstellung in den USA gezeigt worden. Vor der Versteigerung fanden die Experten heraus, dass der «Löwenbändiger» aus dem Nachlass des Kunstsammlers Alfred Flechtheim stammte. Nach einer Einigung mit den Erben des legendären jüdischen Galeristen sei das Bild daraufhin für 864 000 Euro mit Aufschlag versteigert worden.

Für Gurlitt bedeutet die Entdeckung mehr als nur den Verlust der kostbaren Gemälde. Laut «Focus» ermittelt die Staatsanwaltschaft Augsburg gegen ihn wegen Steuerhinterziehung. Um sich seinen Lebensunterhalt zu finanzieren, soll er immer wieder Werke verkauft haben.