Gericht ringt um Strafe für Pistorius

Im Prozess gegen den südafrikanischen Paralympics-Star Oscar Pistorius haben sich Verteidigung und Anklage ein erstes Gefecht um die Höhe des Strafmaßes geliefert.

Gericht ringt um Strafe für Pistorius
Marco Longari / Pool Gericht ringt um Strafe für Pistorius

Bei Anhörungen vor Gericht in Pretoria zog Staatsanwalt Gerrie Nel am Montag Aussagen einer Trauma-Therapeutin in Zweifel. Sie stellte Pistorius als gebrochenen Mann dar, der unfähig sei, den Tod seiner Geliebten zu überwinden.

Pistorius war vor einem Monat der fahrlässigen Tötung seiner 29 Jahre alten Freundin Reeva Steenkamp schuldig gesprochen worden. Er hatte sie in der Nacht zum Valentinstag 2013 durch eine geschlossene Toilettentür seines Hauses erschossen. Pistorius gab an, sie mit einem Einbrecher verwechselt zu haben.

Nun muss Richterin Thokozile Masipa nach der Anhörung von Argumenten der Anklage und der Verteidigung entscheiden, welche Strafe Pistorius dafür bekommt. Möglich wären nach südafrikanischem Recht bis zu 15 Jahre Haft. Dem einstigen Sportidol Südafrikas könnte das Gefängnis aber auch erspart bleiben. Masipa hat die Möglichkeit, eine Bewährungsstrafe zu verhängen oder sogar nur Hausarrest in Kombination mit gemeinnütziger Arbeit.

«Oscar Pistorius mag ja ein gebrochener Mann sein, aber er kann sein Leben fortsetzen», sagte Staatsanwalt Nel im Kreuzverhör der Psychologin Lore Hartzenberg. Die anerkannte Trauma-Expertin hatte Pistorius monatelang betreut, nachdem er seine Freundin - versehentlich, wie er immer wieder beteuerte - mit mehreren Schüssen getötet hatte. Pistorius habe oft spontan geweint, Trauer und Schmerz hätten ihn überwältigt.

«Ich kann bestätigen, dass seine Gewissensbisse und sein Schmerz echt sind», sagte Hartzenberg. Seit der Bluttat fühle sich der einst angehimmelte Sportstar bis heute «absolut wertlos». Er habe noch keinen Weg gefunden, sein Trauma zu überwinden.

Der Staatsanwalt versuchte immer wieder, dies in Zweifel zu ziehen. Unter anderem, indem er andeutete, Pistorius könne bereits wieder an die Fortsetzung seiner Karriere als Paralympics-Sportler denken.

Nel hatte Pistorius wegen Mordes angeklagt. Damit hatte er sich jedoch nicht durchsetzen können. Die Richterin befand, dass für Mord keine hinreichenden Beweise vorgelegt worden seien. Sie akzeptierte die Version des beinamputierten und auf Prothesen laufenden Sprinters, wonach er die Person hinter der Toilettentür für einen Einbrecher gehalten habe. Jedoch sei die Abgabe mehrerer Schüsse absolut fahrlässig gewesen.

Pistorius, der am Morgen in einem dunklen Anzug mit weißem Hemd und dunklen Schlips erschien, folgte der Verhandlung mit versteinerter Mine. Meistens hielt er seinen Kopf gesenkt. Er war in Begleitung von Cousins zum Gericht gefahren. Sie schirmten ihn am Eingang von der Zuschauermenge ab.

Die Entscheidung über das Strafmaß werde Richterin Masipa voraussichtlich bis Ende der Woche fällen, sagte der Sprecher der Nationalen Strafverfolgungsbehörde (NPA) Südafrikas, Nathi Mncube, zu Reportern. Nach der Verteidigung bekommt die Staatsanwaltschaft Gelegenheit, neue Zeugen zu präsentieren. Damit wird für Dienstag gerechnet.

Unklar ist bislang, ob Pistorius im Falle einer Verurteilung zu einer Haftstrafe sofort ins Gefängnis muss. Bislang ist er auf Kaution frei. Möglich wäre auch, dass Staatsanwaltschaft oder Verteidigung Berufung gegen das Strafmaß einlegen. Dann könnte Pistorius mindestens bis zur Verhandlung vor einer höheren Instanz weiter gegen Kaution in Freiheit bleiben.