Gewalt in Nahost mit unabsehbaren Folgen

Seit Monatsbeginn erschüttert eine Serie von Schuss- und Stichwaffen-Attacken Israel und die besetzten Gebiete.  Droht eine gefährliche Zuspitzung der Lage in Nahost? Dazu einige Fragen und Antworten:

Gewalt in Nahost mit unabsehbaren Folgen
Atef Safadi Gewalt in Nahost mit unabsehbaren Folgen

Was hat diese neue Gewaltwelle ausgelöst?

Attentäter, die die Anschläge überlebten, gaben in Verhören immer wieder ein Motiv zu Protokoll: die vermeintlichen Pläne Israels, sich der Moscheen auf dem Tempelberg in Jerusalem bemächtigen zu wollen. Der Tempelberg (Al-Haram al-Scharif) ist Muslimen wie Juden heilig. 

Woher kommt die Vorstellung, Israel wolle nach dem Tempelberg greifen?

Die Regierung bestreitet, den Status quo ändern zu wollen. Zugleich nahm die Zahl jüdischer Besucher auf dem Plateau des Tempelbergs, wo der Felsendom und die Al-Aksa-Moschee stehen, in den vergangenen Wochen zu. Die Palästinenser misstrauen den Beteuerungen von Regierungschef Benjamin Netanjahu, obwohl dieser inzwischen zumindest Politikern den Besuch des Plateaus untersagt hat.

Wer sind die Attentäter, die sich mit Messern auf Israelis stürzen?

Fast alle sind unter 20, viele unter 18 Jahre alt. Auch einige junge Frauen sind unter ihnen. Mehr als 70 Prozent stammen aus dem von Israel annektierten Ostjerusalem. Sie verüben ihre Anschläge im israelischen Westen Jerusalems ebenso wie in den jüdischen Siedlungen im annektierten Osten.

Steht Jerusalem wegen des Tempelberg-Streits im Brennpunkt der Anschläge?

Nicht nur. Der religiöse Zwist ist eher Auslöser denn Ursache der Gewalt, zumal viele Attentäter auch nicht besonders fromm sind. Die Ursachen der Gewaltwelle sind aus Sicht der Palästinenser sowie linker israelischer Kommentatoren vielmehr in der sozialen Misere und in der anhaltenden Okkupation durch Israel zu suchen. Dazu gesellt sich die Perspektivlosigkeit, die sich verschärft hat, nachdem die Friedensverhandlungen über eine Zwei-Staaten-Lösung für Israel und ein künftiges Palästina zum Erliegen gekommen sind. 

Warum trägt dann aber trotzdem Jerusalem die Hauptlast der Anschläge?

Junge Palästinenser aus Ostjerusalem nehmen wahr, dass die Stadtverwaltung mehr Geld in jüdische Siedlungen steckt und nicht in ihre vernachlässigten Wohnviertel. Sie fühlen sich als «Bürger zweiter Klasse». Zugleich können sie sich - anders als Palästinenser aus dem Westjordanland - frei in Israel bewegen, was die Ausführung von Attentaten erleichtert. Die mediale Aufmerksamkeit für die spektakulären Anschläge sollte aber nicht in Vergessenheit geraten lassen, dass fast täglich Hunderte junge Palästinenser im Westjordanland die Kontrollpunkte des israelischen Militärs mit Steinen angreifen. Bei diesen Zusammenstößen werden viele Palästinenser verletzt, manchmal auch getötet.

Wie verhält sich die palästinensische Führung zu der Gewalt?

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas hat mehrfach zur Mäßigung aufgerufen. Er muss befürchten, die Kontrolle über die eigene Jugend zu verlieren. Israel wirft der Palästinenserführung vor, sie unternehme viel zu wenig gegen Hasspropaganda und Aufstachelung zur Gewalt. Die radikal-islamische Hamas, die den Gazastreifen kontrolliert, heizt die Gewaltstimmung verbal an. Zugleich hat sie es aber bislang unterlassen, die Lage etwa durch Raketenbeschuss auf Israel zuzuspitzen.

Kann man von einer «dritten Intifada», einer «Intifada der Jugend» sprechen?

Politiker und Kommentatoren beider Seiten und das israelische Sicherheits-Establishment zieren sich gegenwärtig, diesen Begriff zu verwenden. Unter einer «Intifada» versteht man hier landläufig einen organisierten Aufstand mit einem klaren Ziel unter einer anerkannten Führung. All dies ist bei der Welle von Anschlägen «einsamer Wölfe» nicht gegeben. Das israelische Militär spricht euphemistisch von einer «neuen Situation».

Gibt es Schätzungen, wie lange die «neue Situation» anhalten könnte?

Niemand wagt eine Prognose. «Ein Ende scheint sich nicht abzuzeichnen», schrieb Amos Harel, der Sicherheitskorrespondent der Tageszeitung «Haaretz»,. 

Kann die Lage noch entgleisen und zu einer Gewaltexplosion in Nahost führen?

Auch das ist unwägbar. Die Terrorwelle kann nach einer Zeit relativ folgenlos verpuffen. Aber es kann auch ganz anders kommen. Es fällt zwar auf, dass sich derzeit alle maßgeblichen politischen Akteure einschließlich der Hamas in Zurückhaltung üben. Doch die Region ist ein Pulverfass. Eine unglückliche Verkettung von Eskalationen, die vielleicht niemand so gewollt hat, kann die Lunte legen.