«Gewäsch und Gewimmel»: Kronauers großer Gegenwartsroman

Wie kann man unsere vielfach fragmentierte Gegenwart literarisch in den Griff bekommen? Die Hamburger Autorin Brigitte Kronauer (72) wagt mit ihrem neuen Roman einen großen Wurf.

«Gewäsch und Gewimmel»: Kronauers großer Gegenwartsroman
Arno Burgi «Gewäsch und Gewimmel»: Kronauers großer Gegenwartsroman

Auf über 600 Seiten entfaltet die Büchner-Preisträgerin ein bunt geschecktes, sprachmächtiges Wimmelbild, ein Panorama «vielfach und variantenreich verbogener Zeitgenossen». Leser, die lediglich an Handlung und Identifikation interessiert sind, könnten ihre Schwierigkeiten mit diesem in drei Teile gegliederten Roman-Triptychon haben. Wer sich allerdings auf die Architektur dieses ohne jeden Anflug von Altersweisheit oder Behäbigkeit daherkommenden Werkes einlässt, kann erfahren, wozu Literatur im Zeitalter von Facebook und Co. fähig ist.

Ausgangspunkt des ersten und dritten Teils ist die Krankentherapeutin Elsa, die von den Geschichten, die ihre Patienten ihr erzählen, einfach nicht mehr loskommt. Die Meute mit all ihren Macken und Sehnsüchten verfolgt sie bis in den Schlaf, sehr zum Leidwesen ihres geduldigen Freundes Henri. Wir lernen den geistlichen Clemens Dillburg kennen, die liebestolle Studentin Katja, die vereinsamte Frau Fendel, den Bergwanderer Herbert Wind und etliche Zeitgenossen mehr. Der Roman berichtet von ihnen in kurzen Passagen, manchmal nur eine halbe Seite lang, manchmal etwas ausführlicher. Diese literarischen «Shorts Cuts» tragen Kapitelüberschriften, wie in den Kalendergeschichten von Johann Peter Hebel (1760-1826).

Eine spannende Lektüre, einfach auch deshalb, weil man wissen will, wie es mit den Figuren weitergeht. Thematisch spannt die Autorin den Bogen ganz weit, von Massentierhaltung über Kommunalpolitik und Mindestlöhne geht es bis zu Vollmondnächten im Frühling. Das Banalste steht neben dem Erhabensten, alltägliche Horrormeldungen aus der Zeitung neben einer theologischen Spekulation über die Unendlichkeit.

Nach 200 Seiten Personengewimmel verengt sich der Fokus radikal. Die Ich-Erzählerin Luise Wäns, eine Greisin, die zusammen mit ihrer 50-jährigen Tochter Sabine in einem Hamburger Elbvorort lebt, zieht uns in zwölf längeren, manchmal langwierigen Kapiteln in eine verzwickte Liebes- und Familiengeschichte hinein. In ihrem Haus trifft sich regelmäßig ein zu allen Boshaftigkeiten fähiger Freundeskreis. In dessen Mittelpunkt steht der von allen geliebte Hans Scheffer. Früh schon gibt es Signale, dass dieser Hüter eines Naturschutzgebietes eine nicht ganz reale Figur ist. Er scheint eine Art guter Geist zu sein, eine oszillierende Gestalt, so wandelbar wie die Jahreszeiten.

Die Kunst von Kronauer besteht nun darin, diese Figur in der Schwebe zu halten. Hans Scheffer wird braver Ehemann von Sabine Wäns, und steht als wundersamer Spielmann am Grab seines Freundes - eine Gestalt wie aus einem Schauermärchen von E.T.A Hoffmann. Einmal wird er als «großer zwölfjähriger Mann» beschrieben. Die zwölf ist neben der theologisch besetzten drei die magische Zahl dieses Romans.

Im furiosen dritten Teil schießen alle Motive zusammen. Luise Wäns geht noch einmal mit Hans Scheffer auf eine Wanderung, aber der geliebte Mann wird zum «Phantom», und eine Bekannte verwandelt sich in «eine albinohaft bleichhäutige Birke». Die niemals naiv gesehene Natur ist jetzt das letzte Refugium, auch wenn sie längst vom Menschen zurechtgestutzt wurde.

Mit einem Zitat von Samuel Johnson beschreibt Brigitte Kronauer schließlich auch ihre eigene Kunst: «Wenn die Gäste sich wie zu Hause fühlen, hätten sie ja gleich zu Hause bleiben können.» In den Romanräumen dieser Autorin fühlt man sich sicherlich nicht sofort zu Hause, aber jeder Leser, der hier länger verweilt, wird sehr großzügig belohnt von einer Literatur, deren Anspielungsreichtum und sprachliche Kraft immens sind.

Brigitte Kronauer: Gewäsch und Gewimmel. Klett-Cotta Verlag Stuttgart, 612 Seiten, 26,95 Euro , ISBN 978-3-608-98006-6