Globe-Gewinner Tambor: «Nur die Alten sind ängstlich»

Er war der ewige Nebendarsteller, jetzt ist er in die erste Reihe aufgerückt: Jeffrey Tambor hat als bester Schauspieler in einer Comedyserie einen Golden Globe bekommen.

Globe-Gewinner Tambor: «Nur die Alten sind ängstlich»
Beth Dubber/Amazon.com Inc Globe-Gewinner Tambor: «Nur die Alten sind ängstlich»

In «Transparent», einer Eigenproduktion von Amazon, gibt er einen älteren Familienvater, der nach Jahren der Geheimniskrämerei endlich als Frau leben möchte. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur erzählt Tambor, wie modern und tolerant unsere Gesellschaft ist und was seine Kinder zu seinem Rollenwechsel sagten.

Frage: Mr. Tambor, herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Golden Globe. Sind Sie trunken? Ich meine natürlich vor Glück.

Antwort: He, ich habe 15 Jahre keinen Tropfen angerührt! Aber trunken vor Seligkeit bin ich wirklich. Das war eine tolle Nacht und so viele Menschen haben mir schon gratuliert, übrigens auch gerade aus der Transgender-Gemeinschaft. Ich wurde in meinem ganzen Leben noch nie so viel umarmt wie heute Nacht.

Frage: Sie spielen einen Vater, der für die Familie überraschend entscheidet, als Frau zu leben. Glauben Sie, solch eine Serie hätte, noch dazu mit Erfolg, schon vor zehn Jahren gedreht werden können?

Antwort: Schwer zu sagen, aber hier lag es, glaube ich, auch vor allem an Amazon. Die wollen immer weiter, weiter, weiter, nur nicht zurückgucken. Deshalb haben die einfach den Mut gehabt, solch ein Thema anzupacken.

Frage: Leben wir also in einer toleranten, aufgeklärten Welt?

Antwort: Wir müssen noch ein ganzes Stück des Wegs gehen. Aber es hat ohne Frage einen Wandel gegeben und dieser Wandel geht weiter. Ich kenne 15, 16 Schauspieler, die transgender sind, und viele auch hinter der Kamera. Die waren vor ein paar Jahren einfach noch nicht sichtbar. Das Wichtigste ist, dass wir kommunizieren, uns begegnen, sprechen. Dann löst sich das ganze Problem in Luft auf.

Frage: Aber können Sie Leute verstehen, die Probleme mit Menschen haben, die für sie völlig überraschend nichts weniger wechseln als das Geschlecht?

Antwort: Naja, das höre ich des Öfteren, das mir Leute sagen, sie würden sich unwohl oder unsicher fühlen. Aber der Nukleus unserer Serie ist die Familie. Und da ist die entscheidende Frage einfach: Sind wir noch eine Familie, auch wenn ich mich verändert habe? Liebt Ihr mich trotzdem noch?

Frage: Sie haben fünf Kinder, die beiden Zwillinge sind gerade fünf. Wie reagieren die denn auf Papa mit langen Haaren und in Frauenklamotten?

Antwort: Meine acht Jahre alte Tochter hat mich bei den Dreharbeiten besucht und war etwas verwirrt und fragte «Daddy, was passiert hier?» Aber das hielt etwa fünf Minuten. Die Kinder verstehen das und nehmen das als völlig normal hin. Es sind nur die Alten, die ängstlich sind.

Frage: Ach ja, die Alten: Sie sind selbst 70 Jahre alt und haben bisher praktisch ausschließlich kleine Nebenrollen gespielt. Der Durchbruch mit 70 - war es wert, ein ganzes Schauspielerleben zu warten?

Antwort: Ich sehe es so, dass ich nicht gewartet, sondern mich vorbereitet habe. Ich bereue nicht eine einzige Sekunde meines Schauspielerlebens. Ich liebe das Spielen, jeden Moment zwischen «Action!» und «Cut!». Dass das jetzt mit einem Durchbruch im zarten Alter von 70 Jahren gewürdigt wird, macht mich einfach glücklich.

Frage: Seit ein paar Jahren ist Bewegung im amerikanischen Fernsehmarkt. Es gibt mehr Ideen, mehr Mut. Ist das ein Resultat der neuen Spieler auf dem Markt: Internetdienste wie Netflix, Amazon und Hulu?

Antwort: Davon bin ich überzeugt! Die Revolution ist da und die Protagonisten - Schreiber, Schauspieler, Regisseure - orientieren sich viel mehr an den Streamingdiensten als am herkömmlichen Fernsehen. Letzte Nacht war wieder ein Meilenstein. Die Welt ist ein bisschen anders geworden.

Frage: Werden Sie Ihren Kindern in zehn Jahren erklären können, dass Sie Ihre Lieblingsserien früher nur einmal pro Woche zu einer ganz bestimmten Zeit sehen konnten?

Antwort: Die würden mich verwirrt angucken und nicht verstehen, was Daddy da faselt.

ZUR PERSON: Jeffrey Tambor (70) ist seit mehr als 40 Jahren Schauspieler und das markante Gesicht mit der Halbglatze hat fast jeder schon einmal gesehen. Doch ob «Hangover», «Rendezvous mit Joe Black» oder «Verrückt nach Mary» - Tambor war immer nur das markante Gesicht am Rande. Erst mit der Serie «Arrested Developement» wurde er bekannter, der Durchbruch gelang aber erst mit 70 mit «Transparent». Tambor ist in dritter Ehe verheiratet und hat fünf Kinder.