Detering: Letztes Buch von Grass ist «knapp und wuchtig»

Für den Germanisten Heinrich Detering ist das letzte Werk von Günter Grass - «Vonne Endlichkait» - «ein Buch aus einem Guss», wie er im dpa-Interview sagt. Es soll im August im Steidl Verlag (Göttingen) erscheinen.

Drei Tage vor seinem Tod am 13. April beendete der Literaturnobelpreisträger Grass das von ihm selbst illustrierte Werk von etwa 180 Seiten.

Frage: In dem noch nicht erschienenen Buch, so viel ist ja schon bekannt, geht es um die letzten Dinge. Befasst sich Grass auch mit der Frage, ob es ein Leben oder Sein nach dem Tod gibt?

Antwort: Es geht in diesen Texten und Illustrationen ziemlich schonungslos um das Sterben und um das Leben davor, also auch um Sinnfragen, um das Nichts und die Frage nach Gott - aber immer im ganz konkreten physischen, leiblichen, sinnlichen Hier und Jetzt.

Frage: Sehen Sie nach der Lektüre die Frage beantwortet, ob Grass Atheist, Agnostiker oder ein gläubiger Mensch war?

Antwort: Das Buch ist der Text eines in allen Richtungen neugierigen Agnostikers. Ihn interessiert, was die Welt zusammenhält. Grass hat seinen katholischen Glauben in seiner Jugend verloren, auch das spielt hier wieder eine Rolle. Ihn beschäftigt aber die Frage nach dem Sinn des Daseins, das er liebt, an dem er hängt. Er ist eigentlich nicht polemisch, aber pointiert, und er benennt eine Grenze, die er nicht überschreiten will.

Frage: Wie empfinden Sie das Buch?

Antwort: Es setzt sich aus Fragmenten zusammen und ist doch ein Buch aus einem Guss. Das weit gefächerte Grundthema ist der Ausblick auf das eigene Sterben, was sehr deutlich und sehr unverblümt zum Thema gemacht wird. Grass spricht aus, wie diese eigene Vergänglichkeit sich im Körperlichen zeigt, im Mentalen, in Beziehungen. Es gibt auch wieder ein paar politisch angriffslustige Texte, weil der Schreiber sich trotz aller Vergänglichkeit immer noch über die Kanzlerin oder die Griechenlandkrise aufregt: weil dieses Leben ihn nicht loslässt, obwohl er merkt, wie seine Lebenskraft allmählich schwindet.

Frage: Wo reihen Sie das Buch im Grass'schen Werk ein?

Antwort: Mit der Verbindung von vanitas (Vergänglichkeit) und carpe diem (Nutze den Tag!), von drastischer Körperlichkeit und so abstrakten Fragen wie eben der Vergänglichkeit steht es in der Reihe von Grass' barocken Büchern, also etwa mit dem «Butt» oder dem «Treffen in Telgte». Ich denke an Episoden wie den Ausfall des letzten Zahns, das Probeliegen im eigenen Sarg, den Ausblick auf das eigene Begräbnis. Spielerisch wechseln dabei kurze erzählende Passagen mit Gedichten ab.

Frage: Sind die lyrischen Texte sprachliche Variationen der Prosa-Texte?

Antwort: Sie greifen einzelne Motive auf und spielen sie durch. Mir gefällt, wie es ihm gelungen ist, dieses locker Hingetuschte, Hingeplauderte mit einer großen Ernsthaftigkeit zu verbinden. «Vonne Endlichkait» heißt der letzte Text - der einzige, der mit so einem Dialekt-Anflug geschrieben ist, und er setzt den Schlusspunkt, knapp und wuchtig, zum großen Thema.

Frage: Liegt der Schwerpunkt auf dem Literarischen oder Essayistischen?

Antwort: Essayistisch wäre eine ganz falsche Bezeichnung. Grass schreibt literarisch, und er tut das leicht und ohne Bitterkeit, mit Humor auch gegenüber sich selbst, ja gegenüber dem Sterben. Und er hält sich immer an die konkreten Gegenstände.

Frage: Ihr Resümee nach der Lektüre?

Antwort: Natürlich gewinnt dieses Buch eine besondere Dringlichkeit, einen dunkleren Hallraum dadurch, dass Grass drei Tage nach den letzten Korrekturen starb. Aber sein Buch gibt auch schon für sich genommen der eigenen Vergänglichkeit und Sterblichkeit etwas Exemplarisches. Es ist hat mich menschlich angerührt, es zu lesen.

Frage: Wird das Buch viele Leser ansprechen?

Antwort: Das hoffe ich. Grass gibt keine Antworten auf die letzten Fragen, aber er geht so ernst und genau mit ihnen um, dass sein Buch vielleicht auch ein bisschen helfen könnte, mit der eigenen Sterblichkeit ins Reine zu kommen.

ZUR PERSON: Prof. Heinrich Detering (55), Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, gehört zu den renommiertesten Germanisten der Gegenwart. Er stammt aus Neumünster (Schleswig-Holstein), habilitierte in München und lehrte in Bonn und Kiel. Seit 2005 ist Detering Professor in Göttingen. Hochschulen in den USA, Dänemark, Norwegen und China verpflichteten ihn als Gastprofessor. Publiziert hat Detering unter anderem über Bob Dylan, Theodor Fontane, Friedrich Nietzsche, und Hans Christian Andersen.