Goldfrapp: Großes Grusel-Kino für die Ohren

Goldfrapp gibt es eigentlich gleich zweimal. Da ist zum einen das Dancefloor-Duo mit der blonden Sängerin im kurzen Kleid und dem Elektro-Soundtüftler im Hintergrund.

Goldfrapp: Großes Grusel-Kino für die Ohren
Goldfrapp: Großes Grusel-Kino für die Ohren

Doch zum anderen treten Band-Namensgeberin Alison Goldfrapp und ihr Partner Will Gregory alle paar Jahre mit riesengroßen orchestralen Entwürfen aus dem Stroboskop-Geflacker der Großraum-Disco hinein in die stillere Welt der kunstvoll-atmosphärische Popmusik. Auf ihrem sechsten Album «Tales Of Us» (Mute/GoodToGo) gelingt diese Metamorphose nun so perfekt wie noch nie.

Die erneute Kursänderung vom Beat zum Lied war Alison Goldfrapp diesmal ein ganz persönliches Anliegen: «Bei der Arbeit am letzten Album ist einiges schiefgelaufen. Wir wurden gedrängt, die Sache zu Ende zu bringen und Dinge zu machen, die wir eigentlich gar nicht tun wollten», erzählte die Sängerin dem Magazin «Kulturnews». «Danach dachte ich mir: Das ist meine Kunst, meine Karriere, mein Leben! Es sollte so funktionieren, wie ich es haben möchte.»

Sie sei danach «in eine Welt eingetaucht, die von all den Dingen bestimmt wird, die ich liebe». Diese Welt muss recht düster und gruselig sein. Denn Goldfrapp erzählen zu auf- und abschwellenden symphonischen Klängen, sanft pochendem Klavier, Akustikgitarren, Kontrabass- und Keyboard-Tupfern grandiose Gothic Novels für die Ohren.

«Ich habe viel gelesen und war manchen Abend im Kino», sagte die 47-Jährige mit der charakteristischen Elfenstimme dem britischen Fachblatt «Mojo». «Und ja, ich interessiere mich für Horror. Aber nicht Blut und Gedärme, das ist mir zu platt. Sondern für den Horror, der sich im Kopf abspielt.»

Die zehn Stücke von «Tales Of Us» erweitern noch einmal das Spektrum der ähnlich ambitionierten Vorgänger-Platten «Felt Mountain» (2000) und «Seventh Tree» (2008). Diese neuen Lieder sind üppiger und zugleich raffinierter angelegt - und sie schleichen sich bis auf das treibende «Thea» allesamt im langsamen Tempo an. Die meisten Songs sind nach ihren Protagonisten benannt - etwa die von Alison Goldfrapp ergreifend gehauchte Ballade «Annabel» über ein transsexuelles Kind oder das erotisch aufgeladene Spuk-Lied «Simone» («You Are The Younger Me/In His Arms/I Felt Your Coldness Come/My Own Simone»).

Zum Gesamtkunstwerk wird das neue Goldfrapp-Album spätestens mit den anmutigen Bildern der Filmemacherin Lisa Gunning («7 Psychos», «Lachsfischen im Jemen») - ihre Videos sollen später in ausgewählten Kinos gezeigt werden. Das ist alles sehr weit entfernt von der kommerziell erfolgreichen, aber manchmal eben auch etwas billigen Synthiepop-Tanzmucke, die das Duo auf Platten wie «Black Cherry» (2003) oder «Head First» (2010) anbot.

Damals schien sich Alison Goldfrapp von den verehrten Großmeistern Scott Walker oder Ennio Morricone abzuwenden, um mit Madonna, Kylie Minogue oder Lady Gaga zu konkurrieren. «Natürlich sind auch solche Pop-Entwürfe eine Herausforderung, aber für mich ist die Zeit der pinkfarbenen Miniröcke erstmal vorbei», versicherte sie nun dem Magazin «Rolling Stone». Wer also den poetischen Artpop-Liedern von «Tales Of Us» zuneigt, darf hoffen, dass der Zickzack-Kurs von Goldfrapp künftig weniger hektisch ausfällt.