Google reagiert aufgebracht auf neue NSA-Enthüllungen

Diese Enthüllung kann das Vertrauen in Online-Dienste nachhaltig erschüttern: Der US-Geheimdienst NSA saugt angeblich Informationen von Hunderten Millionen Menschen aus den Netzen von Google und Yahoo ab.

Die NSA klinke sich in Leitungen zwischen Rechenzentren ein, berichtete die «Washington Post» unter Berufung auf Papiere des Informanten Edward Snowden. Google reagierte aufgebracht.

Wegen der Abhöraffäre um das Handy von Bundeskanzlerin Angela Merkel trafen unterdessen Spitzenvertreter des Kanzleramtes in Washington mit ranghohen US-Beamten zusammen.

Die Internet-Konzerne schirmen ihre Systeme gegen Angriffe von außen ab. Die NSA greift den neuen Enthüllungen zufolge jedoch dort zu, wo die Daten bisher weitgehend unverschlüsselt unterwegs sind: In den Leitungen zwischen den gewaltigen Rechenzentren - vermutlich außerhalb der USA.

Um den Nutzern einen reibungslosen Betrieb zu bieten, werden die Systeme synchronisiert - das heißt, durch diese internen Netze fließen alle möglichen Dateien von E-Mails über Fotos bis hin zu gespeicherten Suchanfragen. Zwei IT-Experten mit Verbindung zu Google seien in Schimpftiraden ausgebrochen, als sie eine Grafik zu der Zugriffstechnik gesehen hätten, schrieb die «Washington Post».

Aus einem geheimen Papier von Januar dieses Jahres gehe hervor, dass binnen 30 Tagen über 180 Millionen Datensätze aus den Netzen von Google und Yahoo abgegriffen worden seien, schrieb die Zeitung. Darunter seien Informationen, wer und wann E-Mails abgeschickt oder erhalten habe - aber auch Inhalte mit Text, Audio und Video.

Auch Konten vieler Amerikaner seien betroffen, berichtete die «Washington Post». Das könnte zu einer innenpolitischen Bombe werden: Der NSA ist es verboten, US-Bürger zu überwachen.

Google reagierte extrem verärgert. «Wir sind aufgebracht darüber, wie weit die Regierung anscheinend gegangen ist, um Daten aus unseren privaten Glasfaser-Netzwerken abzugreifen», erklärte Chefjustiziar David Drummond. «Und das unterstreicht die dringende Notwendigkeit für eine Reform.» Yahoo äußerte sich zurückhaltender und betonte nur, man habe der NSA oder anderen Behörden keinen Zugriff zu Rechenzentren gewährt. Die NSA wies lediglich zurück, dass sie das Verbot der Überwachung von US-Bürgern umgehe.

Auch die Abhör-Affäre um das Handy von Bundeskanzlerin Angela Merkel ist noch nicht ausgestanden. Ranghohe US-Beamte sicherten der deutschen Seite weitere Gespräche zu. Der Dialog werde in den kommenden Tagen und Wochen fortgesetzt, teilte die Nationale Sicherheitsberaterin Susan Rice nach einem Treffen mit Kanzleramts-Vertretern im Weißen Haus mit.

Ein enger Vertrauter von US-Präsident Barack Obama plädiert für ein Abkommen mit den europäischen Verbündeten. John Podesta, früherer Stabschef im Weißen Haus, sagte der Wochenzeitung «Die Zeit», er sehe Chancen für einen Verhaltenskodex, sich gegenseitig nicht auszuspähen. «Die Obama-Regierung sollte dafür offen sein.»

Auch mehrere Abgeordnete des EU-Parlaments waren am Mittwoch in Washington, unter ihnen Elmar Brok, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses. Brok sagte anschließend im ZDF, NSA-Chef Keith Alexander habe das Abhören deutscher Bürger zugegeben, sein Vorgehen aber gleichzeitig verteidigt. «Ich hatte nicht den Eindruck, dass er die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit wirklich sieht.»

Laut einem weiteren Medienbericht soll die NSA auch den Heiligen Stuhl bespitzelt haben. Vor dem Konklave im März dieses Jahres seien zahlreiche Telefonate in und aus dem Vatikan abgehört worden, berichtete das italienische Magazin «Panorama». Darunter sollen auch Gespräche des Argentiniers Jorge Mario Bergoglio vor seiner Wahl zum Papst gewesen sein. Die NSA wies den Bericht zurück; die Behauptungen des Magazins seien «nicht wahr».