Google steht vor historischem Umbau

Der Internet-Riese Google steht vor dem größten Umbau seiner Geschichte. Das lukrative Web-Geschäft mit der Suchmaschine und der Online-Werbung wird von neuen Projekten wie selbstfahrende Autos oder Drohnen getrennt werden.

Google steht vor historischem Umbau
Marcio Jose Sanchez Google steht vor historischem Umbau

Die Kern-Firma heißt weiterhin Google, wandert aber unter das Dach eines neu geschaffenen Mutterkonzerns mit dem Namen Alphabet. Andere Sparten wie der Spezialist für Heimvernetzung Nest oder das Innovationslabor Google X werden zu eigenständigen Firmen in der Alphabet-Holding.

Der Umbau solle das Geschäft des Unternehmens transparenter machen, schrieb Google-Mitgründer Larry Page in einem Blogeintrag am späten Montag. Er wechselt vom Chefposten bei Google an die Spitze von Alphabet. Das Online-Kerngeschäft, das weiter Google heißt, soll der Top-Manager Sundar Pichai führen. Der 43-jährige Pichai galt bereits als rechte Hand von Page in dem Bereich und bekam in den vergangenen Monaten immer mehr Verantwortung übertragen.

Alphabet sei im Grunde eine Ansammlung von Unternehmen, erklärte Page. «Uns gefiel der Name Alphabet, weil er eine Kollektion von Buchstaben bedeutet, die für die Sprache stehen, die zu den wichtigsten Innovationen der Menschheit gehören und der Kern davon sind, wie wir in der Google-Suche indizieren.» Google war 1998 als Internet-Suchmaschine gegründet worden. Inzwischen sind die Aktivitäten weit darüber hinausgewachsen.

Die Anteile der heutigen Google-Aktionäre werden in Aktien von Alphabet umgetauscht. Der Umbau soll später in diesem Jahr angestoßen werden. Für Nutzer von Google-Diensten ändert sich dadurch nichts.

Beim Web-Geschäft unter dem Namen Google sollen auch die Video-Plattform YouTube, das erfolgreiche Smartphone-System Android, die Apps, die digitalen Karten sowie die zugehörige technische Infrastruktur bleiben. Zu den neuen eigenständigen Bereichen zählen unter anderem die Gesundheitstochter Calico, der Start-up-Finanzierer Google Ventures oder der Glasfaser-Netzbetreiber Fiber.

Google erwirtschaftet den Löwenanteil seines Gewinns nach wie vor im Kerngeschäft mit Online-Werbung im Umfeld der Internet-Suche. Gleichzeitig stießen die Firmengründer Page und Brin immer neue Projekte an, die teilweise weit vom Kerngeschäft wegwiesen. Investoren hatten sich schon länger Sorgen gemacht, dass die Zukunftsprojekte viel Geld verschlingen. Schließlich zeigte der Misserfolg der Datenbrille Google Glass, dass man mit großen Wetten auf die Zukunft auch viel Geld verlieren kann. 

Die Anleger hoffen nun auf klarere Verhältnisse und ließen die Aktie vorbörslich um rund sechs Prozent steigen. Google-Finanzchefin Ruth Porat, die von der Wall Street kam, wird bei Alphabet in derselben Position arbeiten.

«Wir glauben schon lange, dass Unternehmen es sich mit der Zeit damit bequem machen, dieselben Dinge zu tun, nur kleinere Veränderungen vorzunehmen», schrieb Page. Die Google-Gründer wollten «neue Dinge anfangen». Die einzelnen Unternehmen sollen innerhalb von Alphabet eigenständig agieren. «Der ganze Sinn liegt darin, dass die Alphabet-Firmen ihre Selbstständigkeit haben und eigene Marken entwickeln sollen.»

Mit der Trennung könnten die Google-Gründer zugleich die neuen Bereiche von möglichen künftigen Problemen des heute boomenden Kerngeschäfts abschirmen. Werbung macht immer noch rund 90 Prozent der Konzernerlöse aus. Quartal für Quartal achten Analysten mit Argusaugen darauf, ob das Wachstum bei Googles Suchmaschinen-Anzeigen nachlässt. Schließlich gibt es auf Smartphones weniger Geld pro Klick auf einen Werbe-Link. Bisher konnte Google das durch eine steigende Zahl an Werbeanzeigen mehr als wettmachen. Aber bleibt das so mit dem Vormarsch von Apps und Sprachassistenten?

Zudem steht Google mit seinem weltgrößten Online-Werbegeschäft im Visier europäischer Wettbewerbshüter, die ein unfaires Vorgehen gegen Rivalen bei Shopping-Angeboten wittern. Die EU-Kommission erklärte am Dienstag auf Anfrage, dass ihre Wettbewerbsverfahren unabhängig vom Konzernaufbau geführt würden. «Ein Unternehmen schirmt sich durch Änderungen der Firmenstruktur nicht von einer Wettbewerbsuntersuchung ab.» Soweit der Kommission bekannt habe der Google-Umbau nichts mit den Ermittlungen der Kartellwächter zu tun.