Grindel beschwört Einheit: DFB darf kein Scheinriese sein

Nach einer Rede im Stile eines routinierten Politprofis ist Reinhard Grindel mit überwältigender Mehrheit zum neuen DFB-Präsidenten gekürt worden.

Grindel beschwört Einheit: DFB darf kein Scheinriese sein
Arne Dedert Grindel beschwört Einheit: DFB darf kein Scheinriese sein

Der bisherige Schatzmeister wurde von den Delegierten des außerordentlichen Bundestages mit überwältigender Mehrheit von 250:4 Stimmen zum Nachfolger von Wolfgang Niersbach gewählt. Dieser hatte im Zuge der WM-Affäre im November seinen Rücktritt erklärt, wurde von den Funktionären aber mehrfach mit lang anhaltendem Applaus bedacht.

Grindel war einziger Kandidat. In seiner Rede im Saal Harmonie des Congress Centrum der Frankfurter Messe stellte er den Zusammenhalt von Amateur- und Profifußballs in den Mittelpunkt. Er wolle einen «neuen DFB bauen», beteuert er. «Wir brauchen eine gemeinsame Spielauffassung, wir brauchen zukunftsweisende Konzepte und wir brauchen den Zusammenhalt zwischen der Elite des Fußballs und unserer Basis», sagte Grindel. «Es gilt bis heute: Wir können an der Spitze nur erfolgreich sein, wenn es an der Basis stimmt.»

Nach Grindels Amtsübernahme wurde Stephan Osnabrügge zu dessen Nachfolger als Schatzmeister gewählt. Friedrich Curtius - zuletzt Büroleiter von Niersbach - wurde einstimmig als neuer Generalsekretär bestimmt.

Die langen Schatten der WM-Affäre bestimmten die außerordentliche Versammlung. Die schwierige Beziehung zwischen Amateuren und Profis schien aber sogar noch akuter. Ligapräsident Reinhard Rauball kritisierte nochmals die Art und Weise der Kür von Grindel zum Kandidaten. «Es hat uns irritiert, wie ein Kandidat ohne vorherige Diskussion ausgerufen wurde. Wir wären gerne einbezogen worden», rügte Rauball und setzte damit einen Kontrapunkt zu allen Bemühungen das Verhältnis harmonischer zu gestalten. Ob die vier Gegenstimmen für Grindel aus dem Profiliga kamen, war zunächst unklar.

Rauballs Kollege als bisheriger Interimschef, Rainer Koch, konnte bei der Kür des Kandidaten Grindel im November kein Fehlverhalten des Amateurlagers entdecken. «Es lag und liegt uns fern, über die Köpfe des Ligaverbandes hinweg, wichtige Entscheidungen zu treffen.»

In seiner Rede betonte er zudem die großen Herausforderungen des Verbandes nach der WM-Affäre. «Hinter uns liegen Monate, die uns in den Grundfesten erschüttert haben», sagte Koch. Dennoch sei es gelungen, den «beinahe entgleisten DFB in den Schienen zu halten und neue Gleise zu legen.» Man werde alles daran setzen, «mögliche Steuernachforderungen so gering wie möglich ausfallen zu lassen», betonte Koch. Wegen einer falsch deklarierten Rückzahlung von 6,7 Millionen Euro an den Kreditgeber Robert Louis-Dreyfus über die FIFA im Zuge der Bewerbung für die Fußball-WM 2006 droht dem DFB weiterhin eine hohe Nachforderung der Finanzbehörden.

Diese Altlast wird auch Grindel beschäftigen. Mit 54 Jahren ist er der jüngste DFB-Präsident seit Felix Linnemann im Jahr 1925. Sein Mandat als CDU-Bundestagsabgeordneter wird der frühere Journalist niederlegen. Bereits beim nächsten ordentlichen Bundestag am 3. und 4. November in Erfurt muss sich Grindel als insgesamt zwölfter DFB-Präsident im Amt bestätigen lassen, erst dann würde eine reguläre Amtszeit von drei Jahren beginnen.

«Der neue DFB wird eine gute Zukunft haben, wenn es uns gelingt, alles zu vereinen: die sportlichen Erfolge, das äußere Erscheinungsbild, aber eben auch die inneren Werte», sagte Grindel. Der DFB dürfe kein «Scheinriese» sein, sondern müsse an der Basis die Grundlagen für die Zukunft legen.

Mit mehreren Strukturreformen will er die Konsequenzen aus der WM-Affäre ziehen und den Verband neu ausrichten. So soll es bis November eine DFB-Ethikkommission geben. Zudem sollen die operativen Geschäfte von den hauptamtlichen Verbandsmitarbeitern - statt wie bisher vom DFB-Präsidium - geführt und die Marketingaktivitäten in eine Gesellschaft ausgelagert werden.

Das «Leuchtturmprojekt» ist für Grindel die Bewerbung für die EM 2024. Auch hierfür müssten die Schatten des WM-Skandals beseitigt werden. «Die tiefgreifende und nachhaltige Aufklärung der Affäre
rund um das Organisationskomitee der WM 2006 war und ist die notwendige Voraussetzung, um sich mit neuer Integrität für dieses Turnier bei der UEFA bewerben zu können», sagte Grindel.