«Haiyan» zieht weiter, Angst und Verzweiflung bleiben

Taifun «Haiyan» hat eine Schneise der Zerstörung durch die Philippinen gezogen. Die betroffenen Gebiete sind abgeschnitten, Telefone tot. Für Familien und Freunde beginnt die Zeit der Angst, des bangen Wartens auf ein Lebenszeichen.

«Haiyan» zieht weiter, Angst und Verzweiflung bleiben
Francis R. Malasig «Haiyan» zieht weiter, Angst und Verzweiflung bleiben

In einer Kirche reißen heulende Sturmböen Teile des Daches weg wie Papier. Kronleuchter schwingen wild in ihren Halterungen. Dutzende Menschen suchen in dem Gebäude Schutz vor dem Taifun. Unter ihnen ist Love Añover, Fernsehreporterin des Senders GMA News TV. «Als der Wind das Dach wegriss, dachte ich, der Weltuntergang sei gekommen», berichtet sie, als alles vorbei ist.

Der Schrecken der vergangenen Stunden steht ihr ins Gesicht geschrieben. «Ich dachte: Werde ich nun hier sterben?» Sie kann die Tränen nicht mehr zurückhalten. «Nach einer Stunde des Weinens und Betens habe ich mich in die Hände Gottes begeben. Ich sagte, wenn das meine Zeit ist zu gehen, dann soll es so sein.»

In der philippinischen Hauptstadt Manila dreht Florencio Regencia nervös am Knopf des Autoradios. Der Taxifahrer hofft auf Nachrichten aus seiner Heimatprovinz Leyte im Osten des Landes. «Haiyan» war am Freitag mit unvorstellbarer Wucht und Windgeschwindigkeiten von bis zu 300 Stundenkilometern über die Region hinweggezogen. Einen Tag danach wurden bereits mehr als 100 Todesopfer gemeldet.

Taxifahrer Regencia ist nun in großer Sorge um seine Mutter und Geschwister. Seit Freitag hat er nichts mehr von ihnen gehört. «Ich habe jede halbe Stunde versucht, sie anzurufen, ich habe SMS geschickt, hab' versucht, sie über Facebook zu erreichen, aber ich weiß nicht, ob ihnen was passiert ist», sagt der 54 Jahre alte Familienvater.

Seine 74-jährige Mutter, zwei Brüder, eine Schwester und Dutzende Nichten und Neffen leben in Leyte. Der Sturm hat Telefon- und Internetverbindungen unterbrochen. Straßen sind blockiert, der Flughafen beschädigt. Mit den Berichten über den Grad der Zerstörung kommt die Angst: «Ich mache mir große Sorgen. Das letzte, was ich gehört habe, ist, dass unser Haus beschädigt und das Dach weggeweht wurde», erzählt Regencia. «Aber es gibt nichts, was ich tun könnte.»

Vielen Philippinern geht es ähnlich. Nur allmählich kommen Informationen über Opferzahlen und Schäden aus den betroffenen Gebieten. «Wir haben die ganze Nacht unsere Verwandten in Leyte angerufen, aber keine Chance», sagt der Malaysier Augustine Loorthusamy. Seine Frau kommt aus der betroffenen Provinz. «Ich hoffe so sehr, dass es ihnen gut geht.»

Auch die Regierung hat Probleme, ein genaueres Bild über das Ausmaß der Katastrophe zu bekommen. Die Behörden in Manila müssen sich auf Funksprüche und Textnachrichten beschränken, die Rettungsteams vor Ort mit ihren Satellitentelefonen abschicken. Präsident Benigno Aquino ordnete die Bildung einer Kommunikationszentrale an. Von dort sollen Information und Rettungsarbeiten besser koordiniert werden.

Fernsehbilder aus Leyte zeigen Hunderte Häuser, dem Erdboden gleichgemacht, Bäume, wie Streichhölzer gekickt. Die Straßen sind von Trümmern übersät, Fahrzeuge zu Haufen aus zerbeultem Metall zusammengeworfen. Verstörte und traumatisierte Einwohner wagen sich vorsichtig wieder aus den Notunterkünften. Manche machen sich weinend auf die Suche nach ihren Familien. «Ich weiß nicht, wo sie sind. Meine Mutter, mein Vater, mein Baby», sagt eine junge Frau mit einer Kopfwunde dem Sender ABS-CBN TV, «ich kann sie nicht finden».