Hamburger Fußball-Frust überlagert Olympia-Aufbruch

Die Hamburger Olympia-Planer leiden mit dem HSV und St. Pauli - ein Abstieg könnte großen wirtschaftlichen Schaden bedeuten. Wirtschaftsexperten befürchten bei einem Doppelabstieg der Proficlubs Einbußen von mehr als 50 Millionen Euro für die Hansestadt.

Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz verzog beim Thema Fußball gequält das Gesicht. «Ich mache mir schon Sorgen, weil es wichtig ist, dass beide Clubs die Klasse halten», sagte der SPD-Politiker beim Olympia-Talk in der Hansestadt mit Blick auf den Bundesliga-Letzten Hamburger SV und den Zweitliga-16. FC St. Pauli. Der Abstiegskampf der Profi-Vereine überschattet die Aufbruchstimmung der Olympia-Bewerbung für 2024 - Imageverlust und wirtschaftliche Einbußen sind zu befürchten.

«Ein Doppelabstieg des FC St. Pauli und des HSV hätte für die Positionierung und Profilierung Hamburgs als Sportstadt erhebliche Folgen - gerade im Hinblick auf die Bewerbung um die Olympischen Spiele», bestätigte Henning Vöpel, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), im «Hamburger Abendblatt». Der Experte geht von einem Minus von 50 Millionen Euro für die Stadt aus. Besonders Branchen wie Gastronomie und Transport würden einen Einbruch erleben.

«Die Präsenz von Profisportvereinen am Standort hat für die nachhaltige Vermarktung als Sportstandort eine wichtige Bedeutung», ergänzte Vöpel und verwies auf Boston als Mitbewerber um die Spiele 2024. Die US-Metropole werde im Zusammenhang mit Sport stark über die Celtics (NBA/Basketball), die Bruins (Eishockey) und die Red Sox (Baseball) wahrgenommen.

Um nicht nur über den Fußball definiert zu werden, will Hamburg mehr für den Spitzensport tun: In punkto Großveranstaltungen besteht großer Nachholbedarf - Marathon, Cyclassics und Triathlon allein reichen nicht. Den Olympia-Stützpunkt bezeichnete Alfons Hörmann launig als eine «Hinterhof-Organisation». Bei einem Besuch habe er nicht einmal den Eingang gefunden, berichtete der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB).

Stützpunktleiterin Ingrid Unkelbach vernahm es mit offenen Ohren: «Finanzielle Zusagen haben wir noch nicht.» Auch sie findet Hamburg ohne Erstliga-Fußball «schrecklich»: «Das Gründungsmitglied der Bundesliga ist für unsere Stadt ein Alleinstellungsmerkmal». Denn wer kennt schon die Hockey- oder Ruder-Olympiasieger des Nordens?

«Mr. Olympia», wie Sportsenator Michael Neumann (SDP) genannt wird, will nun sogar von den deutschen Schwimm-Meisterschaften der Gehandicapten in Berlin am Sonntag zum Nordderby Bremen - HSV eilen. Zumindest moralisch will der Borussia-Dortmund-Fan den Liga-Dino HSV unterstützen: «Jeder Hamburger leidet».

Sorgen bereitet DOSB-Chef Hörmann das Ungleichgewicht zwischen dem Milliarden-Geschäft Fußball und allen anderen olympischen Sportarten. Kann dieser Spagat überhaupt wieder verkleinert werden? «Deswegen die Olympia-Bewerbung. Um Boden gutzumachen», sagte der ehemalige Skiverbandspräsident fast schon trotzig.

Hörmann schwärmt von der entfachten Euphorie an Elbe und Alster und fürchtet selbst den jüngsten Mitbewerber Paris nicht: «Ich bin so überzeugt von unserem Konzept.» «Mitspieler» Scholz nimmt bei der Überzeugungsarbeit für den Volksentscheid im Herbst pro und kontra Olympia sogar eine Argumentationsanleihe beim Fußball: «Wenn mir jemand sagt, meine Stimme hat doch gar keinen Einfluss, dann sage ich: Du gehst doch auch ins Stadion. Es kommt auf Dich an.» Er erwartet eine große Zustimmung beim Bürger-Votum.

Und gelernt haben sie auch aus den finanziellen Desastern der Stadt: «Wir werden die Fehler, die beim Bau der Elbphilharmonie gemacht wurden, nicht wiederholen», betonte Scholz, der dieses Mal nicht zu früh Investitionssummen nennen wird, die später Makulatur werden. Er will lieber einen Euro mehr in seriöse Planungen des Olympia-Projekts investieren, als hinterher von der Realität überholt zu werden.