Harsche Kritik an EM-Leistung der Frauen

Ideenlos, kraftlos, wirkungslos - für die deutschen Handballerinnen geht es bei der Europameisterschaft nur noch um Schadensbegrenzung.

Harsche Kritik an EM-Leistung der Frauen
Georgi Licovski Harsche Kritik an EM-Leistung der Frauen

Nach der 20:27-Niederlage gegen Europameister Montenegro prasselte vom ehemaligen Welthandballer Daniel Stephan als Co-Kommentator beim Fernsehsender Sport1 die Kritik nur so nieder. «Mangelnde Durchschlagskraft, keine spielerische Linie im Angriff, kein Schritt nach vorne», meinte Stephan und betonte, dass ein jahrelang eingespieltes Team bei einer EM doch die Leistungsgrenze erreichen müsse. Vielmehr sieht der ehemalige Spielmacher einen Rückschritt beim Team von Bundestrainer Heine Jensen.

In den noch ausstehenden Partien gegen Frankreich an diesem Dienstag und die Slowakei am Mittwoch geht es - wieder einmal - nur um Wiedergutmachung. Denn mit der dritten Niederlage im vierten Spiel hatte die Auswahl der Deutschen Handballbunds (DHB) am Sonntagabend endgültig das Wunschziel EM-Halbfinale verpasst. «Von Außen lässt es sich immer leichter kritisieren, als wenn man auf dem Feld steht», konterte Kapitän Clara Woltering.

Auch DHB-Präsident Bernhard Bauer widersprach Stephans Kritik: «Ich schätze Daniel als Spieler sehr, aber um solche Kritik auszusprechen, müsste er auch näher an der Mannschaft sein.» Stephan hatte zudem gefragt, ob «der Trainer die Mannschaft noch erreicht». Diese Kommunikationsprobleme wiegelte der seit Frühjahr 2011 amtierende Däne Jensen ab: «Dann müsste es die ja seit vier Jahren geben. Daniel hat den Vorteil, dass er nicht auf der Bank sitzt.»

Fakt ist aber auch eins: Jensen wird nicht müde, seit Amtsbeginn immer nur vom nächsten Entwicklungsschritt zu reden. Nach vierjähriger Arbeit sollte man jedoch auch erste Ergebnisse verbuchen können. Fraglich auch, wieso das Team ohne gelernte Linksaußenspielerin bei dem Turnier antritt. Wenn schon die Durchschlagskraft aus dem Rückraum fehlt, dann müsste man die Aufgaben doch zumindest spielerisch über die Breite und Geschlossenheit lösen.

Zumindest sind Trainer, Präsident und auch Spielerinnen zur Selbstkritik fähig: «Irgendwas hat in unseren bisherigen Spielen immer gehakt - mal der Angriff, mal die Abwehr. Unser 100-prozentiges Potenzial haben wir noch nicht ausgeschöpft», sagte Torhüterin Woltering, die als eine der wenigen Weltklasseformat verkörpert. «Wir haben zu oft die falsche Lösung gewählt», gab auch Jensen zu, der für die noch anstehenden Partie keine Motivationsprobleme sieht: «Es ist erstens eine EM und zweitens entscheiden diese Partien darüber, wie unser Weg zur nächsten WM aussehen wird.»

Verliert die DHB-Auswahl beide Partien und wird dadurch Zwölfter, wäre die Mannschaft bei der Auslosung der Playoffs für die WM 2015 in Dänemark am Sonntag im Topf mit den schwächeren Mannschaften - und würde auf einen starken Gegner treffen. Und ein Scheitern in der WM-Qualifikation würde bereits auch das Aus im Kampf um ein Ticket für die Olympischen Spiele 2016 in Rio bedeuten.

Für Bauer steht nach der EM eine «intensive Analyse» auf der Tagesordnung: «Wir werden jetzt keine Schnellschüsse machen und emotionale Entscheidungen treffen, sondern wir werden uns in Ruhe zusammensetzen.» Bauer gab Stephan in einem Punkt aber recht: «Gegen Montenegro hat die Mannschaft eine relative große Ideenlosigkeit an den Tag gelegt.»