Heckenschützen feuern auf UN-Inspekteure

UN-Inspekteure unter Beschuss: Die Chemiewaffenexperten, die in Syrien die Giftgas-Vorwürfe gegen das Regime untersuchen sollen, sind am ersten Tag ihres Einsatzes von Heckenschützen angegriffen worden.

Das Team sei aber in Sicherheit, teilten die Vereinten Nationen am Montag in New York mit. Nach Angaben von Regimegegnern besuchten die Inspekteure am Nachmittag die Ortschaft Moadhamijat al-Scham südwestlich von Damaskus und sprachen dort mit Ärzten und Überlebenden. Mehrere Nato-Staaten bereiten sich bereits auf einen möglichen Militärschlag gegen Syrien vor.

Die Fahrzeugkolonne geriet nach UN-Angaben genau in dem Moment unter Beschuss, als der Konvoi von der Zone, die die Regierung kontrolliert, in das Gebiet der Rebellen fahren wollte.

Regimegegner berichteten, regierungstreue Milizen hätten vom Messe-Militärflughafen aus das Feuer auf das UN-Team eröffnet. «Sie wollen verhindern, dass die Inspekteure zu uns kommen», sagte ein Revolutionär, der nach eigenen Angaben am Ortseingang von Moadhamijat al-Scham auf die Ankunft der UN-Mitarbeiter wartete. Die oppositionelle Nationale Syrische Allianz verurteilte den Angriff und beschuldigte «Milizionäre der Volkskomitees des Assad-Regimes». Die staatliche Nachrichtenagentur Sana meldete dagegen, «bewaffnete Terrorgruppen» hätten die Inspekteure angegriffen.

Die Chemiewaffen-Experten waren am Morgen in das Gebiet östlich von Damaskus aufgebrochen. Dort und in Moadhamijat al-Scham sollen am vergangenen Mittwoch Hunderte Menschen mit Nervengas getötet worden sein. Aktivisten veröffentlichten Videoaufnahmen von den Gesprächen, die die Inspekteure mit Überlebenden und Angehörigen führten. Sie hätten auch Bodenproben genommen. Nach rund sechs Stunden kehrten die Experten unbeschadet nach Damaskus zurück. Kurz nach ihrer Abfahrt sei die Ortschaft mit Artillerie beschossen worden, meldeten lokale Revolutionsaktivisten auf ihrer Facebook-Seite.

Zum Start der UN-Untersuchung, der das syrische Regime erst am Sonntag überraschend zugestimmt hatte, mahnte Generalsekretär Ban Ki Moon schnelles Handeln an. «Jede Stunde zählt», sagte er in Seoul. «Wir können uns keine Verzögerungen mehr leisten.» Die Vereinten Nationen schickten auch einen Gesandten zu Gesprächen in den Iran.

Damaskus bestreitet den Einsatz chemischer Kampfstoffe und beschuldigt stattdessen die Rebellen, Giftgas eingesetzt zu haben. Laut Ärzte ohne Grenzen sind in von der Organisation betreuten Krankenhäusern 3600 Menschen mit Symptomen von Nervengift behandelt worden. Von ihnen seien 355 gestorben.

International haben die Berichte Entsetzen ausgelöst und einen westlichen Militärschlag wahrscheinlicher gemacht. Die USA bereiten sich auf ein Eingreifen vor, haben aber offiziell noch keine Entscheidung gefällt. «Bevor alle Fakten auf dem Tisch liegen und wir absolut sicher wissen, was in Syrien passiert ist, werde ich nichts zu möglichen Konsequenzen sagen», sagte US-Verteidigungsminister Chuck Hagel am Montag in der indonesischen Hauptstadt Jakarta. Eine mögliche Reaktion werde aber immer mit der internationalen Gemeinschaft abgestimmt sein.

Großbritanniens Außenminister William Hague sagte, ein militärisches Eingreifen wäre auch ohne einstimmiges Votum des Weltsicherheitsrates legitim. Premierminister David Cameron bricht wegen der Krise in Syrien seinen Urlaub ab und kehrt an diesem Dienstag nach London zurück. Er soll eine Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates leiten.

Auch Frankreich rechnet mit einer raschen Entscheidung. «Alles wird sich in dieser Woche abspielen», sagte Präsident François Hollande am Montag der Zeitung «Le Parisien». Es seien mehrere Optionen auf dem Tisch - «von einer Verstärkung der internationalen Sanktionen über Luftangriffe bis zur Bewaffnung der Rebellen». Die Türkei erklärte sich zur Teilnahme an einem Militärbündnis bereit.

Die UN-Vetomacht Russland, ein enger Verbündeter Syriens, warnte die USA vor einer militärischen Einmischung. Eine Intervention würde die Friedensbemühungen zerstören, sagte Außenminister Sergej Lawrow laut Mitteilung in einem Telefonat mit seinem US-Amtskollegen John Kerry. «Wir werden gegen niemanden kämpfen», fügte er vor Journalisten in Moskau hinzu. Die geplante neue Syrienkonferenz in Genf wird seiner Ansicht nach nicht vor Oktober stattfinden. Kremlchef Wladimir Putin telefonierte am frühen Abend mit Cameron.   

Bundesaußenminister Guido Westerwelle sagte in Berlin: «Wenn sich ein solcher Einsatz bestätigen sollte, muss die Weltgemeinschaft handeln. Dann wird Deutschland zu denen gehören, die Konsequenzen für richtig halten.» Ziel müsse aber eine politische Lösung bleiben. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte, ein Giftgas-Angriff dürfte «nicht folgenlos bleiben».

Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton wollte sich zu den Spekulationen über einen Militärschlag nicht äußern. Die Nato zeigte sich «sehr besorgt» über die Lage in Syrien.

Präsident Baschar al-Assad warnte, eine Intervention werde islamistische Terrorgruppen stärken. In einem Interview mit der russischen Zeitung «Iswestija» wies er die Giftgas-Vorwürfe als «Nonsens» zurück. In Moskau wurde Assad zudem mit den Worten zitiert: «Auf die USA wartet ein Fehlschlag wie in allen von ihnen entfesselten Kriegen seit dem Vietnamkrieg bis heute.»