«Heißer Herbst»: Löw mit kurzer Einstimmung

Nach der Ankunft am Hamburger Teamhotel tauschte Joachim Löw seine schwarze Lederjacke rasch gegen die DFB-Dienstkleidung und richtete gemeinsam mit Teammanager Oliver Bierhoff den Fokus auf die Sechs-Punkte-Vorgabe in den WM-Qualifikationsspielen gegen Tschechien und Nordirland.

«Heißer Herbst»: Löw mit kurzer Einstimmung
Daniel Bockwoldt «Heißer Herbst»: Löw mit kurzer Einstimmung

«Wir wollen unsere Klasse demonstrieren und die Gruppe souverän anführen»», verkündete Bierhoff zur Zielsetzung. Erst am Nachmittag mussten die 21 Spieler anreisen, wenige Stunden später standen sie mit Ausnahme des erkälteten Ilkay Gündogan schon auf dem Trainingsplatz. Der 25 Jahre alte Mittelfeldspieler blieb bei dem frischen Herbstwetter im Hotel.

«Diese Woche reichen mir drei Trainingseinheiten», sagte Löw zum ungewohnt späten Beginn der Vorbereitung auf ein wichtiges Punktspiel. Nach «vielen Englischen Wochen» setzt der Weltmeistercoach am Samstag gegen die Tschechen auf physisch und mental erholte Akteure.

«Viele Spieler sind in der Champions League beansprucht, haben ein langes Programm. Wir haben uns gedacht, dass es besser ist, wenn die Spieler noch einen Tag durchschnaufen können», begründete Bierhoff die Maßnahme der Sportlichen Leitung. Die kürzere Spielvorbereitung betrachtet Bierhoff nicht als Handicap: «Die Spieler kennen sich, sie kennen das taktische System. Und da ist es wichtiger, hier in einer kurzen, intensiven Zeit die Sachen einzuspielen.»

Das von Kapitän Manuel Neuer angeführte Team soll mit Leistung und zwei Siegen für den zusätzlichen freien Tag zurückzahlen. «Ein heißer, wichtiger Herbst», stehe an, betonte Bierhoff. Das 3:0 in Norwegen gilt als Richtgröße. «Der Start war sehr gut, nicht nur vom Ergebnis, sondern auch von der Art, wie wir das Spiel angegangen sind», sagte Bierhoff: «Es geht nicht nur darum, drei Punkte zu holen. Man will auch zeigen, dass man Richtung WM 2018 weiter wachsen und die stärkste Mannschaft der Welt sein will.»

Die erfolgreiche Titelverteidigung in Russland bleibt das zentrale Projekt. Es ist auch für Löw der ultimative Antrieb. In Interviews mit der Funke Mediengruppe und dem Redaktionsnetzwerk Deutschland sinnierte der 56-Jährige vor seinen Länderspielen 140 und 141 über seine Zukunft. Die Kernbotschaft lautet: Der Bundestrainerposten erfüllt ihn auch nach dem zehnjährigen Dienstjubiläum. Das stressige Tagesgeschäft im Verein lockt den Weltmeistercoach zumindest in Deutschland nicht mehr. «Stimmt», antwortete Löw auf die Feststellung, dass er nie mehr einen Bundesligaclub trainieren werde.

Als Nationaltrainer dagegen verspürt er bei sich «keinerlei Abnutzungserscheinungen». Sein Blick richtet sich ganz auf die nächste WM. «Ich habe eine hohe Grundmotivation in mir. Für mich ist 2014 ein Ansporn. Ich will diesen Titel verteidigen», sagte Löw.

Erste Etappe dahin ist Platz eins in Gruppe C, um auf direktem Wege das Ticket nach Russland zu lösen. Erfolge gegen Tschechien und Nordirland könnten frühzeitig die Weichen stellen. «Wir haben jetzt zwei Spiele vor der Brust, die wir unbedingt gewinnen wollen. So wollen wir die Aufgabe angehen und unsere Qualitäten durchbringen», sagte der Schalker Benedikt Höwedes bei der Ankunft im Quartier an der Alster. Die Fans erhielten von vielen Spielern Autogramme, auch für Selfies posierten etliche ihrer Lieblinge.

Gündogan widmete sich bei seiner Rückkehr nach fast einem Jahr Länderspielpause ebenfalls diesen Aufgaben. Ins Training einsteigen soll er nach einem leichten grippalen Infekt erst am Donnerstag. Löw hieß den Ex-Dortmunder, der jetzt für Manchester City spielt, herzlich willkommen. «Es bedeutet für uns eine Qualitätssteigerung, weil er ein Spieler ist, der mit seiner Technik, seiner Übersicht belebende Elemente ins Kreativspiel unserer Mannschaft bringt», schwärmte Löw über den 25-Jährigen, der nach der WM 2014 auch die EM in Frankreich aus Verletzungsgründen verpasst hatte.

Jetzt will Gündogan neu angreifen - ein guter Zeitpunkt nach dem Rücktritt von Kapitän Bastian Schweinsteiger. «Ich hätte mir auch schon vorher zugetraut, diese Rolle zu übernehmen», sagte der 16-malige Nationalspieler in der «Sport Bild» (Mittwoch).

Auch Jérôme Boateng steht erstmals seit seiner Muskelblessur im verlorenen EM-Halbfinale gegen Frankreich wieder zur Verfügung. Neben den verletzten Marco Reus, André Schürrle, Antonio Rüdiger und Karim Bellarabi musste Löw zudem den angeschlagenen Angreifer Mario Gomez kurzfristig aus seinen Planungen für die letzten Heimspiele des Jahres streichen. «Es ist schade, weil wir keinen solchen Spielertypen haben wie ihn», sagte Löw. Die Übungseinheiten will er auch dazu nutzen, um vorne die richtige Wahl zu treffen. Die Kandidaten lauten: Mario Götze, Kevin Volland und Thomas Müller.