Hintergrund: Mögliches Kabinett einer großen Koalition

Wenn die SPD-Mitglieder grünes Licht geben, wird an diesem Wochenende auch die Besetzung des Kabinetts der großen Koalition offiziell bekanntgegeben. Die Besetzung der sechs künftig rot geführten Ministerien sickerte jedoch schon durch.

Von 14 Bundesministerien (ohne Kanzleramt) dürften zudem fünf an die CDU und drei an die CSU gehen. Außerdem stellt die CDU mit Angela Merkel die Kanzlerin, und ein CDU-Politiker dürfte das Amt des Kanzleramtschefs übernehmen. Nach bisherigen Informationen und Spekulationen könnte das Kabinett so aussehen:

KANZLERIN

ANGELA MERKEL (59/CDU): Sie wollte diese dritte Kanzlerschaft unbedingt. Nach Ansicht vieler Parteimitglieder hat sie damit ihren politischen Zenit erklommen. Als sie im Jahr 2000 die erste Frau an der Spitze der CDU wurde, hätte kaum jemand der ostdeutschen Physikerin diese Karriere zugetraut. Seit 1990 hat sie ein Bundestagsmandat, wurde unter Kanzler Helmut Kohl zunächst Frauen-, dann Umweltministerin. Als CDU-Generalsekretärin forderte sie die Partei in der Spendenaffäre auf, sich von Kohl zu lösen. 2005 wurde sie Kanzlerin einer großen Koalition, 2009 von Schwarz-Gelb. Sie rückte die CDU etwa mit der Abkehr von der Wehrpflicht oder der Atomkraft stark in die Mitte der Gesellschaft. Merkel ist kompromissorientiert, scheut sich aber auch nicht vor eiskalten Entscheidungen. Über ihr Privatleben erzählt Merkel, die in zweiter Ehe mit Joachim Sauer verheiratet ist, wenig. Bleibt es bei nur fünf Ministerposten für die CDU als stärkster Kraft in der großen Koalition, hat Merkel kaum Spielraum für neue Gesichter.

KANZLERAMTSCHEF

RONALD POFALLA (54/CDU): Er ist einer der ganz engen Vertrauten von Merkel. Der Jurist wollte 2009 lieber ein Fachressort übernehmen, doch Merkel zog es vor, den damaligen CDU-Generalsekretär an ihre Seite ins Kanzleramt zu holen. Bis zuletzt galt es als unsicher, ob der scharfzüngige und auf Kritik mitunter empfindlich reagierende Rheinländer diesmal ein Ministerium übernimmt. Merkel wechselt ungern die Pferde, wenn es gut läuft. Gehandelt für den Posten im Kanzleramt werden aber auch Umweltminister PETER ALTMAIER (55/CDU) oder CDU-Generalsekretär HERMANN GRÖHE (52).

WIRTSCHAFTS- UND ENERGIEMINISTERIUM, VIZEKANZLER

SIGMAR GABRIEL (54/SPD): 2009 wurde er jüngster Parteichef seit Willy Brandt. Der gelernte Lehrer war zudem mit 40 Jahren in Niedersachsen jüngster deutscher Ministerpräsident (1999-2003). Von 2005 bis 2009 erwarb er sich als Bundesumweltminister Ansehen und Expertise im Bereich erneuerbare Energien. Ein politisches Naturtalent und begabter Redner, der aber auch als launisch gilt. Kommt aus sogenannten schwierigen Verhältnissen, das hat ihn tief geprägt. Der Vater war überzeugter Nazi, Gabriel musste gegen seinen Willen nach der Trennung der Eltern zeitweise beim Vater leben. Lebt mit seiner zweiten Frau, einen Zahnärztin, und seiner kleinen Tochter in Goslar.

FINANZMINISTERIUM

WOLFGANG SCHÄUBLE (71/CDU) ist gesetzt. Die Union kann sich keinen besseren vorstellen als den Mann mit der größten Regierungserfahrung von allen - er war schon Innenminister unter Kohl, Unionsfraktionschef und CDU-Chef. 1990 wurde er während einer Wahlkampfveranstaltung niedergeschossen. Seitdem sitzt Schäuble im Rollstuhl. Mehrfach sah es so aus, dass Gesundheitsprobleme seine Laufbahn beenden könnten. Doch er kämpfte sich immer wieder zurück. Er gilt als glühender Europäer, zäh und mitunter mürrisch.

AUSSENMINISTERIUM

FRANK-WALTER STEINMEIER (57/SPD): Er war Kanzleramtschef zu rot-grünen Zeiten, strickte für Gerhard Schröder an der «Agenda 2010» mit. Dann wurde der Jurist geachteter Außenminister (2005 bis 2009). Er ist stets exzellent vorbereitet, bürgernah, humorvoll. Seitdem der Westfale und Schalke-04-Fan in Brandenburg seinen Wahlkreis hat, ist die Region seine zweite Heimat geworden. Bei der Bundestagswahl gewann er das einzige Direktmandat der SPD im Osten. Steinmeier ist verheiratet mit einer Verwaltungsrichterin, der er eine Niere spendete, beide haben eine Tochter.

GESUNDHEITSMINISTERIN

URSULA VON DER LEYEN (55/CDU), bisher Arbeitsministerin, wird für dieses Ressort gehandelt, obwohl die Ärztin es eigentlich nicht haben will. Die frühere niedersächsische Sozialministerin und CDU-Vize gilt wegen ihres scharfen Verstandes und ihrer Redegewandtheit als Allroundtalent in der Partei, ist aber nicht sehr beliebt. Für Empörung in der CDU bis hin zu Merkel sorgte sie vor der Wahl, als sie drohte, mit der Opposition für die Frauenquote zu stimmen. Von der Leyen ist die Tochter des früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht und hat sieben Kinder.

VERTEIDIGUNGSMINISTERIUM

THOMAS DE MAIZIÈRE (59/CDU) möchte gern Verteidigungsminister bleiben. Wegen des gescheiterten Rüstungsprojekts «Euro-Hawk» wurde ihm vorgeworfen, sein Ministerium nicht im Griff zu haben. Der aus Bonn stammende und als ruhig und besonnen geltende Politiker wurde in dieser Zeit als nächster Nato-Generalsekretär ins Gespräch gebracht. Er selbst sagt, er wolle das Verteidigungsministerium, das wegen des mächtigen Militärapparats gern als «Schlangengrube» beschrieben wird, weiterführen, auch um Fehler zu beheben. In der großen Koalition von 2005 bis 2009 hatte er sich als Kanzleramtsminister großen Respekt erworben und war bis zur Drohnen-Affäre als möglicher Nachfolger von Merkel gehandelt worden. Auch Hans-Peter Friedrich (CSU) könnte in das Verteidigungsressort wechseln, sollte er nicht Innenminister bleiben.

UMWELTMINISTERIUM

BARBARA HENDRICKS (61/SPD): Barbara Hendricks war in ihrer bisherigen politischen Laufbahn vor allem eine Frau der Zahlen. In Düsseldorf arbeitete die 61-Jährige fast zehn Jahre lang als Sprecherin für die SPD-Finanzminister der NRW-Landesregierung. Schon vier Jahre nach ihrer ersten Wahl in den Bundestag wurde sie 1998 Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesfinanzministerium. Bis 2007 arbeitete sie auf diesem Posten mit den SPD-Finanzministern Oskar Lafontaine, Hans Eichel und Peers Steinbrück zusammen. Seit Oktober 2007 ist Hendricks, die aus Kleve am Niederrhein stammt, Schatzmeisterin der SPD. Eine Aufgabe, bei der sie als Chefin des Unternehmensbereichs der SPD «viele unternehmerische Entscheidungen treffen» müsse, schreibt Hendricks auf ihrer Homepage. Kontakt zu Umweltpolitik hatte Hendricks Anfang der 1990er Jahre in Nordrhein-Westfalen. Von 1991 bis 1994 leitete die promovierte Historikerin im Düsseldorfer Umweltministerium das Referat für grenzüberschreitende Studien.

ARBEITS- UND SOZIALMINISTERIUM

ANDREA NAHLES (43/SPD): Die Literaturwissenschaftlerin ist seit 2009 Generalsekretärin. Sie hat erst den Wahlkampf organisiert, dann die Koalitionsverhandlungen, schließlich den Mitgliederentscheid über die große Koalition. Zeit für ihre kleine Tochter Ella Maria und ihren Mann daheim auf einem Hof in der Eifel hat sie zurzeit wenig. «Ich war in meinem ganzen Leben noch nie so zufrieden», sagte sie nach ihrer Elternzeit. Die frühere Juso-Chefin zählt längst nicht mehr zu den Parteilinken. Intern ist sie nicht unumstritten, wurde zuletzt mit schlechtem Ergebnis wiedergewählt. Hat vehement für den Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde gekämpft.

BILDUNGSMINISTERIUM

JOHANNA WANKA (62/CDU) wurde erst 2013 nach dem Rücktritt von Annette Schavan Bildungsministerin. Die CDU stuft das Ressort als eines der wichtigsten im Kabinett ein. Mit den Milliardenausgaben für die Forschung kann man mit diesem Haus viele Punkte bei Wissenschaftlern und Studenten machen. Die promovierte Mathematikerin aus Sachsen war viele Jahre Kultusministerin in Brandenburg und Niedersachsen. Sie gilt als konservativ und pragmatisch.

INNENMINISTERIUM

HANS-PETER FRIEDRICH (56/CSU): CSU-Chef Horst Seehofer hat ihm für diesen Posten noch im August eine Garantie gegeben. Zuletzt bekannte sich Seehofer aber nicht mehr so offen zu dem im Umgang sehr freundlichen Bayern. In der NSA-Abhöraffäre wurde Friedrich eine zu weiche Haltung gegenüber den USA zur Last gelegt. Der promovierte Jurist ist aber nicht auf das Innenministerium festgelegt. Friedrich studierte auch Wirtschaftswissenschaften und Volkswirtschaftslehre. Besonders gern war er CSU-Landgruppenchef.

Denkbare Varianten sind auch hier POFALLA, dem in der NSA-Spähaffäre allerdings Verharmlosung vorgeworfen wurde. Andere Option: PETER ALTMAIER (55/CDU): Er hat nach der Entlassung seines Vorgängers Norbert Röttgen 2012 zunächst neuen Schwung in die Energiewende gebracht, konnte aber viele Probleme nicht abräumen. Der kommunikative, selbstironische Saarländer ist für Merkel ein wichtiger Mann. Er ist vernetzt, duckt sich bei heiklen Fragen nicht weg, kennt sich in der Europapolitik bestens aus und spricht viele Sprachen fließend. Schon als Parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion bewies er Qualitäten bei der Kompromisssuche.

VERKEHRSMINISTERIUM

PETER RAMSAUER (59/CSU): Auch zu ihm ließ Seehofer zuletzt Distanz erkennen. Ramsauer hält das Ministerium für ein Schlüsselressort im Kabinett. Durch die Bundesfinanzierung von Infrastrukturmaßnahmen in den Ländern können sich Verkehrsminister viel Sympathien erwerben. Weil Ramsauer das zweitbeste Erststimmenergebnis in Bayern geholt hat, kann Seehofer ihn nur schwer aus dem Kabinett auswechseln. Es gilt aber als möglich, dass er das Ressort AGRAR- UND VERBRAUCHERSCHUTZ übernehmen muss. Mitarbeiter beschreiben Ramsauer als sehr menschlichen und kooperativen Chef. Er liebt das Skifahren und Klavierspielen.

AGRAR- UND VERBRAUCHERMINISTERIUM

ALEXANDER DOBRINDT (43/CSU): Seehofer hat ihm einen Ministerposten versprochen. Als Generalsekretär hat er im Bundestagswahlkampf Managerqualitäten bewiesen und sich in den Koalitionsverhandlungen zu einem der wichtigsten Sprachrohre der CSU entwickelt. Beschimpfungen wie die des FDP-Koalitionspartners als «Gurkentruppe» kommen Dobrindt kaum noch über die Lippen. Er provoziert zwar weiterhin, wägt seine Worte aber stärker als früher. Seehofer könnte ihn auch mit dem Verkehrsministerium belohnen, heißt es in der CSU.

FAMILIENMINISTERIUM

MANUELA SCHWESIG (39/SPD): Sie ist das «Gesicht» der ostdeutschen SPD mit einer Blitzkarriere seit ihrem Parteieintritt 2003. Die gebürtige Brandenburgerin studierte Steuerrecht und folgte ihrem Mann, mit dem sie einen Sohn hat, nach Schwerin. 2002 bis 2008 arbeitete sie dort im Finanzministerium. 2008 übertrug Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) der damals 34-Jährigen Diplom-Finanzwirtin das Sozialressort. Seit 2009 ist sie auch SPD-Vize. Als Ministerin würde Schwesig auch für das von der SPD heftig bekämpfte Betreuungsgeld zuständig sein.

JUSTIZMINISTERIUM 

HEIKO MAASS (47/SPD): Für Heiko Maas ist der Umzug ins Bundesjustizministerium so etwas wie eine letzte Chance nach vielen erfolglosen Anläufen im Saarland. Dreimal bewarb er sich für die SPD um das Amt des Regierungschefs in Saarbrücken, dreimal zog er den Kürzeren. Der gebürtige Saarländer Maas gilt als nüchterner Analytiker. Von 1999 bis 2012 stand er an der Spitze der saarländischen Landtagsfraktion, seit 2000 führt er auch die Landes-SPD. 1998 übernahm er als damals jüngster Minister in Deutschland das Umweltministerium - wenngleich nur kurz, denn die SPD musste bereits ein Jahr später bei der Wahl der absoluten CDU-Mehrheit weichen. Aber Triathlet Maas hatte einen langen Atem, machte weiter, führte von 1999 bis 2012 die SPD-Fraktion, nach vier vergeblichen Anläufen steuert der SPD-Landesvorsitzende in der schwarz-roten Koalition derzeit das Wirtschaftsministerium. Für den neuen Job auf der Regierungsbank ist er als studierter Jurist mehr oder weniger vorbereitet.

ENTWICKLUNGSMINISTERIUM

HERMANN GRÖHE (52/CDU): Gröhe hat großen Anteil an dem erfolgreichen Bundestagswahlkampf, an dessen Ende 41,5 Prozent für CDU/CSU standen. Dem Vernehmen nach würde er gern ein Ministerium übernehmen. Gröhe gilt auch beim politischen Gegner als sachlich, freundlich und fair. Er kann Konflikte geräuschlos lösen und Mehrheiten beschaffen. Gröhe war in der Unionsfraktion sieben Jahre lang Sprecher für Menschenrechte und humanitäre Hilfe. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.