Hipp, hipper, «Hypezig» - Alle lieben Leipzig

Seit Monaten dürften Leipzigs Tourismusmanager ihr Glück kaum fassen können. Immer häufiger erscheinen jetzt Berichte, die Leipzig zur hippen Szene-Stadt erklären.

Hipp, hipper, «Hypezig» - Alle lieben Leipzig
Hendrik Schmidt Hipp, hipper, «Hypezig» - Alle lieben Leipzig

«Vergesst Prenzlberg!» titelte «faz.net». Und «Spiegel Online» fand Leipzig «Wie Berlin, nur besser». Die Lobhudelei ist in der Stadt inzwischen als «Hypezig» bekannt - und wird zwiespältig gesehen. Nervt der Hype um Leipzig? Oder ist er gut fürs Image? Und was ist überhaupt dran an «Hypezig»?

«Die Stadt ist schön. Es lohnt sich, hier zu leben», sagt der Blogger und Künstler André Herrmann. Auf diesen kleinsten gemeinsamen Nenner können sich die «Hypezig»-Kritiker und -Befürworter alle einigen. Leipzig hat mit dem Waldstraßenviertel das größte zusammenhängende Gründerzeitviertel Deutschlands. Leipzig hat nette Kneipenmeilen und mit der Baumwollspinnerei ein Kunstzentrum, in dem Maler-Stars wie Neo Rauch ihr Atelier haben. Vor den Toren der Stadt ist aus grauen gefluteten Braunkohle-Tagebauen ein Freizeitparadies entstanden. Zum jährlichen Wave-Gotik-Treffen freuen sich sächsische Omis über «die Schwarzen» aus der meist dunkel gekleideten Fanszene.

Zum Symbol für das junge «Hypezig» ist inzwischen die unscheinbare Sachsenbrücke über den Fluss Elster geworden. Irgendwer hat die Geländer bunt angemalt, an warmen Tagen sitzen auf den Fußwegen der Brücke unzählige Grüppchen. Sie trinken, sie quatschen, während nebenan jemand Gitarre spielt oder seine Jonglierkünste zeigt. Aber dass nicht alle «Hypezig» gut finden, konnte man unlängst auch an der Brücke ablesen. An einem Pfeiler prangte der Schriftzug: «Sachsenbrücke zurück nach Berlin».

Blogger Herrmann sammelt im Internet in einem Tumblr («Hypezig - Bitte bleibt doch in Berlin!») die Leipzig-Jubel-Meldungen. Das sei als kreativer Protest gedacht, sagt der 27-Jährige. «Mich stört einfach, dass man in den Berichten die schlechten Seiten komplett weglässt und die guten überhöht.» Und wenn in Wirtschaftszeitungen im Immobilien-Teil der Tenor auftauche: «Sichern Sie sich noch schnell ihre Immobilie in Leipzig!» mache ihm das Sorgen. Verdrängung und Gentrifizierung - was Berlin passiert ist, soll Leipzig erspart bleiben.

Dass Leipzig auch eine Menge Schattenseiten hat, sagt auch der Wissenschaftler Dieter Rink vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. «Die Stimmung in der Stadt ist viel besser als die Lage.» Zwar habe sich die Arbeitslosenquote im Vergleich zu ihren Höchstständen vor einigen Jahren halbiert - aber sie ist mit 10,8 Prozent (August) immer noch etwa doppelt so hoch wie der Bundesdurchschnitt. Den Titel «Armutshauptstadt» hat Leipzig zwar kürzlich an Dortmund abgegeben - aber nur, um sich laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes auf Platz Zwei einzusortieren.

Skeptisch blickt der Professor auf die Bevölkerungsprognosen. Leipzigs Statistiker gehen von einem Wachstum aus - was für eine ostdeutsche Stadt schon etwas Besonderes ist. Im besten Fall sollen 2032 rund 641 000 Menschen in Leipzig wohnen, im schlechtesten 557 500. Aktuell sind es rund 525 000 - Tendenz seit ein paar Jahren steigend. «Ich frage mich, wo der Zuwachs herkommen soll», sagt Rink. Bisher habe er sich hauptsächlich aus Mitteldeutschland gespeist - dort schlägt jetzt der Geburtenknick nach dem Mauerfall voll durch.

Einer der Zugezogenen ist Stefan Hölldobler. Er stammt aus Würzburg und betreibt in Leipzig eine kleine Designfabrik. Das Gelände hat der 30-Jährige gekauft - etwas, was nach seiner Einschätzung in Berlin oder München nicht möglich gewesen wäre. «Die berühmten Atelierflächen, die es in Berlin nicht mehr gibt, die gibt es hier noch», sagt er. Aber auch Hölldobler kann die «Hypezig»-Euphorie nicht ganz nachvollziehen. «Ich glaube nicht, dass Leipzig eine Boomtown ist. Es ist einfach eine ostdeutsche Stadt, die sich gerade erfindet.»