Hollande: Anschläge tragen IS-Handschrift

Die beispiellosen Anschläge von Paris sind nach Einschätzung des französischen Präsidenten François Hollande ein «Kriegsakt» der Terrormiliz Islamischer Staat (IS).

Gut zwölf Stunden nach der Terrorserie mit mindestens 128 unschuldigen Todesopfern machte Hollande das radikal-islamische Netzwerk direkt verantwortlich und kündigte «angemessene Entscheidungen» an. Wenig später tauchte im Internet eine zunächst nicht verifizierbare Erklärung auf, in der sich der IS zu den Anschlägen bekannte.

«Eine treue Gruppe der Armee des Kalifats (...) griff die Hauptstadt der Unzucht und Laster an», hieß es in der Botschaft im Namen des IS. Darin wird Frankreich mit weiteren Anschlägen gedroht: «Dieser Überfall ist nur der erste Tropfen Regen und eine Warnung (...).» Bei einem der Attentäter von Paris wurde ein syrischer Pass gefunden, berichtete die französische Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Polizeikreise. Mindestens einer der Terroristen sei französischer Staatsangehöriger, hieß es am Nachmittag.

Hollande sagte nach einer Sitzung seines Sicherheitskabinetts in Paris, die Tat sei «von außerhalb» geplant worden. Ermittlungen sollten nun die Beteiligung von Mittätern in Frankreich klären. «Alle Maßnahmen sind getroffen worden, um unsere Mitbürger und unser Staatsgebiet zu schützen.» In der Nacht hatte Hollande bereits den Ausnahmezustand ausgerufen und die Grenzkontrollen verstärken lassen.

Auch viele andere Staats- und Regierungschefs in aller Welt richteten sich auf einen massiven Kampf gegen den Terror ein. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte dem Nachbarland «jedwede Unterstützung» zu. US-Präsident Barack Obama verurteilte die Anschläge als «abscheulichen Versuch», die Welt zu terrorisieren. «Wir werden tun, was immer auch getan werden muss, um diese Terroristen zur Verantwortung zu ziehen.» Syriens Machthaber Baschar al-Assad indes machte den Westen für die Ausbreitung des Terrors mitverantwortlich.

Bei mehreren nahezu gleichzeitigen Terrorattacken von mindestens acht Tätern waren am Freitagabend in Paris mindestens 128 Menschen getötet worden. Etwa 300 wurden verletzt, Dutzende davon schwer. Damit handelt es sich um die schlimmste Terrorserie in Europa seit mehr als zehn Jahren. Im März 2004 waren bei mehreren Anschlägen auf Züge in Madrid 191 Menschen getötet und annähernd 2000 verletzt worden - auch diese Anschläge gingen auf das Konto islamistischer Terroristen.

Die Pariser Attentäter schossen an verschiedenen Orten der Hauptstadt wild um sich und zündeten mehrere Bomben. Allein in der Konzerthalle «Bataclan» richteten sie ein Massaker mit mindestens 80 Toten an. Vier Tote gab es in der Nähe des Stadions Stade de France, wo gerade das Fußball-Länderspiel Deutschland gegen Frankreich stattfand. Die Anschläge ereigneten sich nur zehn Monate nach dem Attentat auf die Satirezeitung «Charlie Hebdo» in Paris. Das Auswärtige Amt hatte zunächst keine Gewissheit, ob unter den Opfern der Terroranschläge auch Deutsche sind.

Merkel sagte in Berlin in Richtung der Opfer und ihrer Angehörigen, dieser Angriff auf die Freiheit «meint uns alle». Daher müssten nun auch alle gemeinsam den Kampf gegen den Terror führen. «Wir wissen, dass unser freies Leben stärker ist als jeder Terror.» Bundespräsident Joachim Gauck appellierte: «Aus unserem Zorn über die Mörder müssen Entschlossenheit und Verteidigungsbereitschaft werden. Auch dabei stehen wir an der Seite der Franzosen.» Er betonte: «Aber die Terroristen werden nicht das letzte Wort haben, diese Nacht wird nicht das letzte Wort haben.» SPD-Chef Sigmar Gabriel warnte davor, angesichts des Terrors Vorbehalte gegenüber muslimischen Flüchtlingen zu schüren. Ein freier Staat sei immer verwundbar und verletzlich.

Sieben der acht Angreifer sprengten sich selbst in die Luft, ein Terrorist wurde von der Pariser Polizei erschossen. Bei dem Überfall auf die Konzerthalle «Bataclan» soll einer der Männer «Allah ist groß» gerufen haben. Ein Augenzeuge berichtete ferner, dass die Angreifer ihre Tat mit Frankreichs Militäreinsatz in Syrien begründet hätten. Das schlimmste Bild bot sich in der Konzerthalle: Laut Augenzeugen waren mehrere unmaskierte Männer in den ausverkauften Saal gestürmt. Mit Sturmgewehren schossen sie um sich, der Boden war anschließend übersät mit Leichen. Einer der Geflüchteten, Julien Pearce: «Das hat zehn, 15 Minuten gedauert. (...) Die Attentäter hatten Zeit, mindestens dreimal nachzuladen.»

Zwei Explosionen vor dem Stade de France hatte Hollande auf der Ehrentribüne beim Fußballspiel Frankreich-Deutschland mit angehört, zusammen mit Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, der an seiner Seite saß. Gleich danach ließ er sich in der Schaltzentrale des Stadions telefonisch über die Ereignisse unterrichten. Noch während des Spiels wurde der Präsident aus dem Stadion gebracht.

Papst Franziskus sagte: «Es gibt keine Rechtfertigung für solche Taten. Das ist nicht menschlich.» Auf die Frage, ob damit der Dritte Weltkrieg in Teilen fortgesetzt werde, vor dem Franziskus bereits oft gewarnt hatte, sagte der Pontifex: «Das ist ein Teil davon.» Syriens Machthaber Assad sagte laut Agentur SANA: «Die fehlgeleitete Politik der westlichen Staaten, vor allem Frankreichs (...) haben zur Expansion des Terrorismus beigetragen.»

Möglicherweise auf dem Weg nach Paris war ein 51 Jahre alter Autofahrer vor gut einer Woche in Oberbayern mit einem umfangreichen Waffen-Arsenal aufgeflogen. Nun werde ein Zusammenhang mit der Terrorserie in der französischen Hauptstadt geprüft, sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) der Deutschen Presse-Agentur. Bei einer Kontrolle entdeckten Schleierfahnder der Polizei im Kleinwagen des Mannes unter anderem mehrere Kalaschnikow-Gewehre, Handgranaten sowie 200 Gramm TNT-Sprengstoff. Gegen den aus Montenegro stammenden Mann sei Haftbefehl erlassen worden, teilte ein Sprecher des Landeskriminalamtes (LKA) mit.