Horrorunfall rüttelt Polen auf - Schluss mit Toleranz für Alkohol?

Seit dem Neujahrstag liegt der achtjährige Hubert im Koma, kämpft in einer Stettiner Klinik in Polen ums Überleben. Er weiß noch nicht, dass seine Eltern und sein ein Jahr älterer Bruder tot sind, Opfer eines Horrorunfalls mit insgesamt sechs Toten.

Horrorunfall rüttelt Polen auf - Schluss mit Toleranz für Alkohol?
Marcin Bielecki Horrorunfall rüttelt Polen auf - Schluss mit Toleranz für Alkohol?

Der Neujahrsspaziergang zweier Familien im westpommerschen Kamien Pomorski endete tragisch, als ein Autofahrer mit einer Geschwindigkeit von rund 70 Kilometern in die Fußgängergruppe fuhr. Der 26 Jahre alte Fahrer, dem bereits 2006 wegen Alkohols am Steuer ein Jahr lang der Führerschein entzogen worden war, war betrunken. Nun sitzt er in Untersuchungshaft und muss mit bis zu 15 Jahren Haft rechnen.

In polnischen Internetforen kocht seitdem die Volksseele, Forderungen nach härteren Strafen für alkoholisierte Fahrer werden laut. «Nehmt ihnen das Auto weg, steckt sie lebenslang ins Gefängnis wie Mörder!» heißt es so oder ähnlich in zahlreichen Kommentaren. Andere wollen die Alkoholfahrer im Internet oder in Zeitungen an den «Pranger» stellen lassen. Der gesetzliche Promille-Grenzwert für Alkohol am Steuer beträgt in Polen 0,2 Prozent - eigentlich also sollte Autofahren nach dem ersten Glas tabu sein.

Die Regierung will am Dienstag einen Maßnahmenkatalog vorstellen. Regierungschef Donald Tusk betonte allerdings schon zuvor, dass mit höheren Strafen allein nichts erreicht wird: «Wir werden die Plage betrunkener Autofahrer nicht erfolgreich bekämpfen, wenn es weiter bei einer weit verbreiteten Toleranz fürs Trinken, vor allem von Autofahrern, bleibt. Was nötig ist, ist ein Wandel der Mentalität», sagte er am Freitag in einer Pressekonferenz in Warschau.

Das dürfte nicht leicht sein in einem Land, in dem schon die Kommunisten Jahrzehnte lang vergeblich versucht hatten, den Alkoholkonsum zu drosseln. Höhere Alkoholsteuern und Verkaufspreise haben auch in jüngster Zeit nur wenig Wirkung gezeigt - vor allem in ländlichen Regionen kennen viele eine preiswerte Quelle für «Bimber», den selbst gebrannten Schnaps.

Auch wenn es nicht immer hochprozentig hergeht, für viele Polen ist Alkohol nicht nur nach Feierabend ein Begleiter. Es sind nicht nur die Arbeits- und Hoffnungslosen in den strukturschwächsten Gebieten des Landes mit mehr als 30 Prozent Arbeitslosigkeit, die ihren Frust in billigem Schnaps ertränken. Auch Anzugträger mit Aktenkoffer und Smartphone lassen sich an Arbeitstagen zu einem zweiten Frühstück in Form von Bier am frühen Vormittag in den Straßencafés und -restaurants von Warschau, Krakau oder Breslau nieder.

Alkohol am Steuer ist kein Problem bestimmter Gesellschaftsgruppen - in den vergangenen zwölf Monaten verlor ein Bischof sein Amt wegen eines Unfalls mit Alkohol. Auch ein Polizeichef verursachte alkoholisiert einen Unfall. «Es gab auch Vorfälle mit Politikern», räumte Tusk auf der Pressekonferenz ein. Alkohol ist offenbar so häufig eine der Unfallursachen, dass Polizeiberichte regelmäßig extra betonen, wenn ein Fahrer nüchtern war.