Hörmann zu Olympia: 50,01 Prozent Zustimmung reichen

DOSB-Präsident Alfons Hörmann hat kein Problem damit, dass sich Deutschland im Jahr 2024 sowohl um die Olympischen Sommerspiele als auch um die Fußball-Europameisterschaft bewirbt. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur spricht der Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes über Chancen einer deutschen Bewerbung und seine Bedenken.

Wie sieht der aktuelle Zeitplan für die Olympia-Bewerbung aus?

Im Moment laufen individuelle Gespräche mit den Fachverbänden und die Sichtung der Sportstätten. So prüft beispielsweise der Seglerverband die infrage kommenden Reviere. An den Konzepten wird im Zusammenspiel mit uns nichts großartig verändert. Beide Städte sind derzeit im intensiven Dialog, die Bürger mitzunehmen.

Welches Ergebnis wäre bei der Bürgerbefragung akzeptabel?

Da müssen wir ausnahmsweise mal formal agieren. In dem Punkt muss die klassische quantitative Mehrheit ausreichen, um zu sagen: Wir tun das. Wenn wir nicht 50,01 Prozent erreichen, dann müssen wir sagen: Wir lassen es.

Wäre es nicht demokratischer, wenn man erst die Bürger befragt und dann die Entscheidung fällt?

Das wäre die charmante Variante, da ein Fall wie München nicht mehr eintreten kann. Beide Städte waren aber der Meinung, dass nur in der Stadt, die vom DOSB ausgewählt wird, die Befragung stattfinden soll. Das haben wir so akzeptiert.

Ist es überhaupt denkbar, Olympische Spiele und die Fußball-Europameisterschaft 2024 im selben Land zu organisieren?

Fragen Sie 20 IOC-Mitglieder, wo die nächsten Fußball-EM stattfinden. Ich prognostiziere, dass drei Viertel darauf keine Antwort haben. Zwischen den Events liegen fünf, sechs Wochen - deshalb sehen wir das ganz gelassen. Ich stelle bei den Deutschen keinerlei Feiermüdigkeit oder Mangel an Begeisterungsfähigkeit fest.

Wie nehmen Sie auf, dass sich IOC-Präsident Thomas Bach fragt, ob Bürger-Referenden für Olympia-Bewerbungen überhaupt tauglich sind? Ist das unterstützend oder frustrierend?

Weder noch. Es ist das gute Recht eines jeden, so zu fragen. Dass IOC-Präsident im Zuge seiner weltweiten Betrachtung die Frage in den Raum stellt, kann man ihm nicht verwehren. Für Deutschland haben wir aber mit den beiden Städten klar und messerscharf die Antwort gegeben: Ohne diese Form der Zustimmung der Bürger wird es ein Projekt Olympia nicht geben.

Fürchten sie eine starke parteipolitische Instrumentalisierung im Bewerbungsprozess?

Die fürchte ich weniger. Wichtiger ist für mich die Frage: Lassen sich wesentliche Teile der Bevölkerung zum Gang an die Urne bewegen? Die größte Gefahr - das ist mein Bild aus der Münchner Konstellation - ist eine gewisse Gleichgültigkeit oder nicht Nichtwahrnehmung des Projektes.

Welche Lehren haben Sie ansonsten aus der Münchner Bewerbung gezogen?

In Berlin und Hamburg ist das Thema Olympia bisher schon mehr diskutiert oder kommuniziert worden, als das in München in der gesamten Bewerbungsperiode der Fall war. Es wird in beiden Städten viel offener über Konzepte diskutiert. Fragen Sie doch mal einen Bürger in München, ob er je ein Konzept der Bewerbung für 2018 und 2022 präsentiert bekommen hat.

Bringen die 40 Reform-Themen des IOC Rückenwind für die deutsche Bewerbung? Können sie helfen, das Verständnis bei den Bürgern für das Großprojekt Olympia zu stärken?

Ich denke, dass dieses Thema den Bürgern zu vermitteln ist. Dabei machen sich einige Verbände jetzt sogar schon Sorgen, ob die Freiheiten der Agenda nicht sogar zu groß sind. So diskutiert die FIS, ob die Reformen nicht bedeuten, dass sehr teure Wettbewerbe infrage gestellt werden, wie im Winter der Abfahrtslauf. An solchen Gegenreaktionen kann man feststellen, dass das Thema viel weitreichender ist, als es auf den ersten Blick scheint.

Sie streben für den Fall der Niederlage für 2024 einen neuen Versuch 2028 an. Scheint das angesichts entstehender Kosten sinnvoll?

Wenn wir nicht überzeugt wären, 2024 eine reale Chance zu haben, würden wir uns nicht bewerben. Dass es schwierig wird, Olympische und Paralympische Spiele im ersten Anlauf zu bekommen, ist keine neue Erkenntnis. Niemand kann heute sagen, welche politische Konstellation wir im Jahr 2017 haben. Man wird sich immer gegen verdammt starke Bewerber durchsetzen müssen.

Die Investitionen für Olympia würden riesig sein, besteht nicht die Gefahr, dass da Ruinen zurückbleiben?

Ein Konzept mit Olympia-Ruinen würde ich nicht mittragen. Nach Olympia 2006 bleibt beispielsweise kein so schönes Erbe. Da gibt es Dinge in der Umgebung von Turin, die man kritisch hinterfragen muss. Ich mache mir aber keine Sorge, dass in Deutschland ein solches Szenario entsteht. Schauen Sie sich an, was aus den 72er Anlagen in München oder dem Berliner Olympiastadion von 1936 geworden ist. Wenn sogar 70 oder 80 Jahre später solche Anlagen für den Spitzensport genutzt werden, waren die Investitionen sinnvoll.

Die Kosten einer Bewerbung werden auf 50 Millionen Euro geschätzt. Das führt zu Kritik. Wie reagieren Sie darauf?

Eine besseres Marketing oder eine preisgünstigere Kampagne für eine Stadt oder ein ganzes Land scheint mir kaum vorstellbar. Für den Fall Hamburg gibt es schon jetzt eine deutliche Zusage, dass mindestens 50 Prozent von der Wirtschaft finanziert werden. Es gibt viele Gelder von der Stadtmarketing, die weniger fruchtbar sind als eine Olympia-Kampagne. München 1972 hat bewiesen: Olympia bringt der Stadt mehr Bekanntheit international. Und das kann Berlin wie Hamburg nicht schaden. 50 Millionen Euro können für Städte dieser Größenordnung kein Thema sein.

Für das neue Jahr ist ein Anti-Doping-Gesetz angekündigt. Superstars müssen befürchten, dass Sie bei Doping-Vergehen abgeführt werden. Inwiefern fürchten Sie dadurch eine Beeinflussung einer Olympia-Bewerbung?

Das ist weder schädlich noch hilfreich. Wenn es sich im Rahmen dessen bewegt, was jetzt diskutiert wird, glaube ich nicht, dass sich das IOC dadurch ermutigt sieht, dass Spiele nach Deutschland gehen. Die Erfahrung in anderen Ländern zeigt, dass keine der Superstars abgeführt werden.

ZUR PERSON: Am 7. Dezember 2013 trat Alfons Hörmann die Nachfolge von Thomas Bach als Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes an. Zuvor war heute 54 Jahre alte Baustoff-Unternehmer seit 2005 Präsident des Deutschen Ski-Verbandes. Er hatte als Vizepräsident des Organsisationskomitees maßgeblichen Anteil am Erfolg der Nordischen Ski-WM 2005 in Oberstdorf.