In den Knast wegen Geldnot - es ginge auch anders

Ins Gefängnis gehört, wer eine schwere Straftat begangen hat. Doch zahlreiche Häftlinge sitzen wegen kleiner Delikte wie Schwarzfahren hinter Gittern. Von den Gerichten ist das keineswegs vorgesehen: Verurteilt wurden die Straftäter zu Geldstrafen.

In den Knast wegen Geldnot - es ginge auch anders
Tim Brakemeier In den Knast wegen Geldnot - es ginge auch anders

Weil sie die aber nicht zahlen konnten, müssen sie eine Ersatzfreiheitsstrafe absitzen. Laut Statistischem Bundesamt gab es im August bundesweit 4000 solcher Häftlinge. Weil es meist nur um einige Wochen oder Monate geht, sind es übers Jahr gerechnet weit mehr. Und sie kosten den Steuerzahler pro Tag in Haft rund 100 Euro.

Einer von ihnen ist Jens von Hees. Einen gefährlichen Eindruck macht der 31-Jährige wirklich nicht: In seiner zu großen Jacke sitzt der schlaksige 31-Jährige im Besucherraum der Justizvollzugsanstalt Castrop-Rauxel, erzählt freudig, dass sein Vater ihn heute besuchen kommt. Und weshalb er im Gefängnis gelandet ist: Er habe Feuerwerkskörper illegal dabei gehabt und sei ein paar Mal schwarzgefahren. Wie oft er die Bahn geprellt hat? «So 12 bis 14 mal.» Manchmal hatte er keine Lust auf den Ticketautomaten, meistens fehlte ihm aber das Geld. Die Quittung: Acht Monate offener Vollzug.

Justizbeamte, Sozialarbeiter und Wissenschaftler sehen das kritisch: «Das sind größtenteils Leute mit materiellen Problemen, an deren Schicksal ändert sich nichts durch einen Gefängnisaufenthalt», sagt Dirk Baier vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen. «Eher im Gegenteil: Denn ein Zwangsurlaub hinter schwedischen Gardinen macht sich nicht besonders gut im Lebenslauf.»

«Es gibt nichts Unsinnigeres als die Vollstreckung solcher Strafen im Justizvollzug», kritisiert Julius Wandelt, Leiter der JVA Castrop-Rauxel. Alternativen wie gemeinnütziger Arbeit seien deutlich besser - in Tierparks oder Altenheimen zum Beispiel. «Der Vorteil: Das können die in Freiheit erledigen», sagt Wandelt.

Einen Schritt in diese Richtung ging Bayern mit dem Projekt «Schwitzen statt Sitzen»: 2000 Straffällige haben sich 2012 eine Haftstrafe erspart, und zwar durch gemeinnützige Arbeit, teilte das Justizministerium in München mit. Dennoch gingen auch dort rund 4000 Menschen ins Gefängnis, anstatt zu zahlen oder zu arbeiten.

Wieso hat Schwarzfahrer Jens von Hees seine Strafe nicht gezahlt und ist im Gefängnis gelandet? «Ich war viel unterwegs, habe mich nie um die Post gekümmert», sagt er. Von der Ladung zum Haftantritt, die in seinem Briefkasten lag, habe er nichts mitbekommen. Irgendwann griffen Polizeibeamte ihn zufällig bei einer Routinekontrolle auf: «Ich dachte mir nur: Hätte ich mich mal um meine Post gekümmert».

Susanne Scharach von der Fachstelle zur Ableistung gemeinnütziger Arbeit (FAGA) in Nürnberg kennt das Problem: «Die Post von der Justiz wird oft nicht geöffnet», sagte sie. Die Situation wachse den Betroffenen schlichtweg über den Kopf. Deshalb sei es wichtig, dass nicht die Justiz, sondern Sozialpädagogen sich der Kleindelinquenten annähmen und ihnen Stellen für gemeinnützige Arbeit vermittelten: «Irgendetwas kann jeder», sagt Scharach.

In einem Punkt sind sich Wissenschaftler, Beamte und Helfer einig: Nicht kriminelle Energie ist das Problem, sondern die soziale und finanziell oft desolate Lage der Klientel. «Für eine Geldstrafe sind das schlechte Voraussetzungen», sagt auch Peter Marchlewski, Sprecher des Düsseldorfer Justizministeriums. Er fordert: «Die Gerichte müssten direkt gemeinnützige Arbeit verhängen können.» In Deutschland sei das rechtlich bislang nicht möglich.

Andere Häftlinge belächeln die Geldstrafler als «arme Schlucker», erzählt von Hees. «Die Lange-Eingessenen nennen unsere Wohnbereiche die Bronx», berichtet er. Von den Geldstraflern seien «draußen» viele arbeitslos, ohne Dach über dem Kopf, hätten Drogen- und Alkoholprobleme. Ein JVA-Aufenthalt sei für manche Häftlinge nicht wesentlich unattraktiver als das Leben am Rande der Gesellschaft. Immerhin gebe es drei warme Mahlzeiten pro Tag. Für viele ist das keine Selbstverständlichkeit. «Manche haben die Einstellung: Ich sitz' lieber ein paar Tage ab, als dass ich die Kohle loswerde», meint von Hees.