In Kairo liegen Nerven blank: «Wir wechseln nur das Flugzeug»

Der Mann im blauen Anzug steht vor der Flugzeugtreppe auf dem Rollfeld in Kairo und gestikuliert, das Handy am Ohr. Neben ihm warten die Passagiere im Bus darauf, dass sie einsteigen können.

In Kairo liegen Nerven blank: «Wir wechseln nur das Flugzeug»
Mike Nelson In Kairo liegen Nerven blank: «Wir wechseln nur das Flugzeug»

Auf der anderen Seite der Maschine sind die Koffer schon auf halbem Weg in den Flugzeugbauch, doch das Förderband steht. Der Mann im Anzug der ägyptischen Fluggesellschaft Egypt Air sucht Blickkontakt mit dem Busfahrer - dann streckt er den Daumen nach unten.

Dieses Flugzeug wird nicht von der ägyptischen Hauptstadt nach Scharm el Scheich an der Südspitze des Sinai fliegen. Nach dem Absturz eines russischen Ferienfliegers mit 224 Toten über der Halbinsel liegen auch auf dem Flughafen in Kairo die Nerven blank. Die Fluggäste sind ratlos.

Auf die Frage, was denn los sei, sagt ein Passagier: «Das weiß keiner hier.» Der Bus fährt zurück zum Terminal. Die Fluggäste sitzen in der Wartehalle und müssen sich vertrösten lassen. Einige werden laut, eine Frau sagt etwas von einem «Unfall». Es gebe «kein Problem», beteuert ein Mann, dessen Ausweis ihn als Teil des Bodenpersonals kennzeichnet. «Wir wechseln nur das Flugzeug.» Warum das sein muss, sagt er nicht.

Normalerweise wäre ein ausgetauschtes Flugzeug nicht der Rede wert. Doch normal ist nichts mehr im ägyptischen Luftverkehr nach dem verheerenden Absturz auf der Sinai-Halbinsel, Ägyptens Unruheregion mit einem aktiven Ableger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS).

Von Anfang an widersprachen die Behörden allen Vermutungen, es könnte sich um einen Terrorakt gehandelt haben. Auch am Donnerstag weist die Regierung anderslautende Meldungen zurück. Staatspräsident Abdel Fattah al-Sisi bezeichnet die Behauptung des IS-Ablegers, für das Unglück verantwortlich zu sein, als «Propaganda». Der Sinai sei unter «voller Kontrolle».

Das sehen die Behörden vieler Länder wie Großbritannien und Irland nach jüngsten Erkenntnissen allerdings anders. Plötzlich sei ein Bombenattentat auf den russischen Airbus nicht nur möglich, sondern «zunehmend wahrscheinlich», drückt es Londons Premier David Cameron aus. Mehrere internationale Linien setzen ihren Flugverkehr in den Badeort Scharm el Scheich aus, darunter auch die Lufthansa mit zwei Töchtern.

Dass britische Flüge ausgesetzt werden - noch dazu während des Besuchs von al-Sisi in London: eine Ohrfeige für den stolzen Staatschef vom Nil. Und eine Bloßstellung seiner gebetsmühlenartig wiederholten Aussage, die Regierung habe das Terrorproblem im eigenen Land im Griff. Schon seit Monaten verüben Extremisten immer wieder Anschläge in Ägypten.

Doch die Regierung in Kairo will unbedingt den Eindruck vermeiden, das Land sei ein gefährliches Ziel. Sicherheit ist nicht nur wichtig für die Ägypter, sondern auch für eine der Hauptdevisenquellen des Landes: den Tourismus. Er macht rund elf Prozent des ägyptischen Bruttoinlandsprodukts aus.

Im Süden der Sinai-Halbinsel war es seit 2006 zu keinen größeren Gewalttaten gekommen. «Scharm» galt als einer der wenigen sicheren Häfen in Ägypten - bis am Samstagmorgen die Maschine der Fluggesellschaft Kolavia abstürzte. Die möglichen Folgen für den arg gebeutelten Tourismus könnten verheerend sein.

Schon in den vergangenen Jahren hatte das Tourismusgeschäft am Nil arg unter den Folgen des Aufstands gegen den einstigen Herrscher Husni Mubarak und die unruhigen Jahre danach gelitten. In den vergangenen Monaten keimte Hoffnung auf, weil sich immer mehr Touristen wieder nach Ägypten wagten. Sollte jedoch tatsächlich eine Bombe den russischen Airbus zum Absturz gebracht haben, wäre das ein empfindlicher Schlag für das gesamte Land.

Unter den Wartenden im Terminal 3 des Kairoer Flughafens sind auch zwei junge deutsche Rucksacktouristen. Markus Hargasser und Bernhard Eisner wollen von Sharm el Scheich ins Tauchparadies nach Dahab. Ob sie es heute noch auf den Sinai schaffen, ist unklar. Angst? Haben sie nach eigenen Worten nicht wirklich, auch wenn sie jetzt in ein anderes Flugzeug steigen müssen: «Lieber finden sie den Fehler jetzt, als dann, wenn wir in der Luft sind», sagt Hargasser trocken.