In voller Fahrt: Züge bohren sich ineinander

Dienstagfrüh, gegen 6.45 Uhr. In voller Fahrt rasen zwei Regionalzüge im oberbayerischen Bad Aibling direkt aufeinander zu - auf einer eingleisigen Strecke. Die Züge knallen frontal zusammen.

In voller Fahrt: Züge bohren sich ineinander
Peter Kneffel In voller Fahrt: Züge bohren sich ineinander

Ein Triebwagen wird aus dem Gleis geworfen, der entgegenkommende bohrt sich in einen Waggon des anderen Zuges, schlitzt ihn auf. Ein Zugteil hat sich zur Seite geneigt, Blechteile ragen in die Höhe. Für neun Insassen gibt es keine Rettung. Sie können nur noch tot aus den Wracks geborgen werden. Es ist eines der bundesweit schwersten Zugunglücke der vergangenen Jahre.

Als die ersten Helfer an der Unglücksstelle eintreffen, wartet eine Herkulesaufgabe auf sie. Rund 80 Insassen sind verletzt, fast 20 von ihnen schwer. Die Unfallstelle nahe einem Klärwerk ist nur schwer zugänglich: auf der einen Seite ist ein Berghang, auf der anderen liegt der Mangfallkanal. Die Rettungsfahrzeuge kommen nur auf einem schmalen Weg zum Unfallort. Deshalb fliegen Hubschrauber die Verletzten aus.

Am schwierigsten gestaltet sich die Bergung der Schwerverletzten aus den vorderen Zugteilen. Teilweise muss schweres Gerät eingesetzt werden. Der Leitende Notarzt Michael Riffelmacher schildert, dass der Zusammenstoß der beiden Züge enorme Kräfte freigesetzt habe. Dadurch sei es zu extremen Verformungen in den Waggons gekommen.

«Ich will Ihnen Einzelheiten ersparen», sagt Riffelmacher, doch von einem Schwerverletzten seien für die Retter zunächst lediglich Gesicht und eine Hand zugänglich gewesen. Feuerwehrmänner befreien die teils eingeklemmten Opfer in einem mehrstündigen dramatischen Rettungseinsatz.

Behutsam beugen sich Notärzte und Sanitäter auch noch mittags über ein Loch an einer der Lokomotiven, arbeiten sich zu einem der Opfer vor. Dass sie eine Decke darüberbreiten, lässt Schlimmes ahnen.

An der Unfallstelle herrscht fast andächtige Stille, die nur vom Lärm der Rotorblätter der Hubschrauber unterbrochen wird. Feuerwehrmänner stehen in Zweierreihen auf dem Damm des Mangfallkanals und warten auf ihren Einsatz. Vor ihnen stehen Kisten mit medizinischem Gerät.

Die Schwerverletzten werden direkt in umliegende Kliniken geflogen, die Leichtverletzten zu einer Sammelstelle gebracht, wo sie mit Rettungswagen in die Krankenhäuser gefahren werden. Etliche Verletzte werden in Rettungsbooten auf die andere Seite des Mangfallkanals gebracht und von dort weitertransportiert.

Die Toten werden derweil in Metallsärgen zu eigens hergebrachten kleinen Schienenwagen auf dem Gleis gebracht. Christian Schreyer von der Transdev, die den Meridian auf der Nahverkehrsstrecke betreibt, muss am Mittag mitteilen, dass auch die beiden Lokführer unter den Toten sind.

Für Fragen zur Unglücksursache ist es wenige Stunden nach dem Unglück zu früh - zumindest für die Politiker und Bahnverantwortlichen. Sowohl Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) als auch Klaus-Dieter Josel von der Deutschen Bahn (DB) versichern, dass auf der Strecke das seit 2011 bundesweit installierte sogenannte Punktförmige Zugbeeinflussungssystem PZB 90 angebracht sei. Es soll verhindern, dass zwei Züge zusammenstoßen.

Warum es an diesem Morgen in Bad Aibling offenbar nicht funktioniert hat, soll die Auswertung der drei Blackboxen in den Zügen zeigen. Josel ergänzt, dass erst vergangene Woche alle signaltechnischen Anlagen auf der Strecke überprüft worden seien. Es habe keine Beanstandungen gegeben.

Bis die Bahnlinie wieder freigegeben wird, werden Tage vergehen. «Die Bergung wird schwierig, weil die Triebköpfe ineinander verkeilt sind», erläutert Josel.

Zwar spricht Dobrindt von einem der bundesweit schwersten Zugunglücke der vergangenen Jahre: «Es ist eine schwere Stunde in der Geschichte des Zugverkehrs in Deutschland.» Die CSU sagt «aus Respekt vor den Opfern» ihren traditionellen Politischen Aschermittwoch ab. Aber trotz der neun Toten und der vielen Verletzten sendet Polizeipräsident Robert Kopp ein tröstliches Signal aus. In Bayern ist in dieser Woche schulfrei. «Insofern war es ein Glücksfall, dass Faschingsferien sind», sagt Kopp, «sonst wären wesentlich mehr Fahrgäste in den Zügen gesessen.»