Indiepop-Preziosen: Alphabet Backwards und Islands

«Don't judge a book by the cover», sagt der Brite, sinngemäß: Lass Dich vom ersten Eindruck nicht täuschen. Das gilt auch für neue Alben von Alphabet Backwards und Islands - feiner Indiepop hinter unscheinbarer bis scheußlicher Cover-Fassade.

Indiepop-Preziosen: Alphabet Backwards und Islands
Jenny hardcore Indiepop-Preziosen: Alphabet Backwards und Islands

Das «Artwork» des Debüts der Oxforder Folkpop-Band ALPHABET BACKWARDS ist noch eher eines der nichtssagenden Sorte (ein Piepmatz auf blassgelbem Untergrund), aber es könnte mit seiner Biederkeit doch dafür sorgen, dass man eine sehr hübsche Platte übersieht. «Little Victories» (Highline/Rough Trade) erschien in Großbritannien bereits voriges Jahr, die Singles wurden dort von BBC-Koryphäen wie Steve Lamacq oder Tom Robinson mächtig gepusht.

Der Sound ist sommerlich-ausgelassen, sodass die Platte hierzulande im kalten November eigentlich zur Unzeit herauskommt. Aber auch davon sollten sich Popfans nicht abhalten lassen, denn die Jahreszeiten ändern sich ja wieder.

Musikalisch folgen Alphabet Backwards jüngeren Britfolk-Bands wie The Leisure Society oder Stornoway - ältere Semester werden Ähnlichkeiten mit 80er-Jahre-Phänomenen wie Aztec Camera, The Housemartins oder The Beautiful South entdecken. Der Opener «Sunday Best» erinnert mit seinem wunderbar melancholischen Gitarrenpop-Sound gar an Prefab Sprout, ehe beim nachfolgenden «Pockets» in den Boy/Girl-Gesängen von James Hitchman/Steph Ward und einer quirligen Synthie-Melodie der Übermut durchbricht.

Über das Pianopop-Schmankerl «Ladybird» bis zum abschließenden Funkpop von «Elton John» (der Song heißt wirklich so!) lassen es Alphabet Backwards vorwiegend aufgekratzt und munter weitergehen, mit frischen Mitsing-Harmonien und auch der einen oder anderen - durchaus liebenswerten - Banalität. «Little Victories» ist eben lupenreiner Pop, der dem Hörer Freude in den Alltag zaubern soll - und auch gar nichts anderes sein will. Produziert hat Brian O'Shaunghessy (Primal Scream, My Bloody Valentine), einer der Großen seiner Zunft im UK.

Falls es Ende des Jahres eine Hitliste der fiesesten Albumcover 2013 geben sollte, dürfte «Ski Mask» (Manqué Music/Cargo) von der Montrealer Band ISLANDS ein Spitzenplatz sicher sein. Das schauderhafte «Artwork» (auch hier kommt man um die Anführungszeichen kaum herum) sollte aber erneut nicht den Blick verstellen auf eine tolle Indiepop-Scheibe mit fantasievollen Arrangements und vorzüglichem Gesang von Islands-Frontmann Nick Thorburn.

Wie bei Alphabet Backwards gibt es auch auf diesem Album viele freundliche Melodien und schräge Synthesizer-Ideen, aber insgesamt fällt «Ski Mask» doch deutlich rockiger, rauer und dunkler aus. Der Opener «Wave Forms», ein vorwärtstreibender Hybrid aus Pianopop, Disco-Bass, Keyboard- und Marimba-Sprengseln, lässt jeden Widerstand von Anfang an zwecklos erscheinen. «Becoming The Gunship» ist eine mächtige Alternative-Rock-Hymne, wie sie auch Beck in jüngeren Jahren kaum besser hinbekommen hätte.

Die bereits vor acht Jahren - als Nachfolger von Nick Thorburns erster Band The Unicorns - gegründeten Islands haben mit ihrem vierten Album eigentlich alles richtig gemacht. Wenn da nicht dieser ausgestreckte Mittelfinger von Plattencover wäre. Aber zum Glück hört man ja mit den Ohren, und das CD-Digipack kann man auch umdrehen.