Infantinos brisante Premiere: Personal-Coup und Reformpanne

Stadt (dpa) - Erstmals trafen sich die Delegierten aus den FIFA-Mitgliedsländern nach der Ära von Joseph Blatter zu einem Ordentlichen Kongress. Wer geglaubt hätte, dass die Skandalzeiten unter dem Ex-Chef schon überwunden seien, wurde in Mexiko-Stadt eines Besseren belehrt.

Infantinos brisante Premiere: Personal-Coup und Reformpanne
Jose Mendez Infantinos brisante Premiere: Personal-Coup und Reformpanne

Präsident Gianni Infantino postulierte zwar, die Krise sei vorüber, die FIFA sei wieder auf Kurs. Doch neue Konflikte bahnen sich schon an. Die drei wichtigsten Themen beim FIFA-Kongress in Mexiko-Stadt:

FRAUEN-POWER: Mit dieser Entscheidung für eine Frau hat FIFA-Chef Infantino allen gezeigt, dass er der mächtige Mann im Weltverband ist. Erst wenige Stunden vor Kongressbeginn informierte er die Mitglieder des Councils über seine Kandidatin Fatma Samoura als Generalsekretärin. Der Aufsichtsrat stimmte brav zu und Infantino konnte die Senegalesin gleich bei der Vollversammlung präsentieren. Eine historische Wahl. Noch nie in 112 FIFA-Jahren war eine Frau die wichtigste FIFA-Angestellte, noch nie eine Afrikanerin, gar noch nie eine Person von außerhalb Europas.

Samoura ist als langjährige UN-Diplomatin über jeden moralischen Zweifel erhaben. Sie half, humanitäre Krisen in vielen Ländern zu bewältigen. Doch sie hat überhaupt keinen Fußball-Background. Und das macht die Wahl auch für Infantino attraktiv. Im Kernressort ist er weiterhin der Taktgeber. Samoura soll als Managerin den Weltverband führen. Infantino muss von der Top-Angestellten keine innere Oppostion fürchten.

DEMOKRATIEDEFIZIT: Es klingt paradox. Weil die FIFA ihre neuen Regeln konsequent auslegte, hat sie sich ein dickes Demokratieproblem eingehandelt und ihren integren Chefaufseher verärgert. Domenico Scala verließ den Kongress in der Kaffeepause. Warum? Die Vollversammlung hatte beschlossen, dass das Council bis Mai 2017 die Mitglieder der von Scala geführten Audit- und Compliance Kommission, der Ethikkommission, der Disziplinarkommission und der neuen Governance Kommission berufen und entlassen kann. Dieses Recht ist nach den FIFA-Statuten eigentlich dem Kongress vorbehalten.

Pikant! Denn: Die Mitglieder der Kommissionen sollen eben die Council-Mitglieder kontrollieren. Der Reformprozess wird konterkariert. Dabei wollte Infantino offenbar demokratisch handeln und keine zweifelhaften Kandidaten anheuern. Nach dpa-Informationen waren mehrere potenzielle Kandidaten für die Kontrollgremien durch den neuen FIFA-Integritätscheck durchgefallen. Es standen also nicht ausreichend Bewerber für die zu besetzenden Posten bereit.

Das Council trifft sich schon im Oktober, der Kongress erst wieder im Mai 2017, deshalb soll der Aufsichtsrat die Aufgabe übernehmen, damit die Gremien so schnell wie möglich besetzt werden können.

DOPPELTES NEULAND: Das Kosovo und Gibraltar sind neue FIFA-Mitglieder. Europa ist mit 55 Vertretern damit stärkste Fraktion in dem auf 211 Länder aufgestockten Weltverband. Die Freude in den kleinen Fußball-Nationen ist groß. Doch die Arbeit fängt nun für die UEFA an. Beide Teams müssen noch in die im September beginnenden Qualifikation zur WM 2018 eingegliedert werden.

Vermutlich werden sie den beiden Fünfer-Gruppen zugeordnet. Doch dann müsste WM-Gastgeber Russland, der außer Konkurrenz in einer dieser Gruppen mitspielt, ausgeladen werden. Ein Politikum, zumal Russland zu den Ländern gehört, die wie besonders Serbien gegen einen Beitritt des Kosovos zur FIFA waren. Der nächste Rechtsstreit vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS ist programmiert.