Intendant Weber: «Faust II» beeindruckt durch Aktualität

Im Deutschen Nationaltheater Weimar, in dem Johann Wolfgang von Goethe einst mehr als 20 Jahre das Sagen hatte, spielt sein «Faust» immer eine besondere Rolle.

Intendant Weber: «Faust II» beeindruckt durch Aktualität
Martin Schutt Intendant Weber: «Faust II» beeindruckt durch Aktualität

Im Interview der Deutschen Presse-Agentur erklärt Generalintendant Hasko Weber, dass ihn am zweiten Teil die Parallelen zu aktuellen Problemen fesseln: Die Suche nach dem Ideal und andererseits die Gier nach immer mehr Profit, Krieg und Landgewinn, Mord.

Die Inszenierung gilt wegen ihrer poetischen und philosophischen Komplexität als Herausforderung für Theater - und Publikum. Premiere ist an diesem Samstag (27. Februar).

Frage: Mit Goethes «Faust I» sind sie 2013 höchst erfolgreich in Ihre Weimarer Amtszeit gestartet. Was interessiert Sie an der Tragödie Zweitem Teil?

Antwort: «Faust I» ist in Weimar Pflicht, der zweite Teil nicht. Er ist immer das Besondere. In jeder anderen Stadt hätte ich mir überlegt, ob ich ihn auf die Bühne bringe. Aber die Themen sind im zweiten Teil, den Goethe selbst als nicht spielbar eingeschätzt hatte, unerschöpflicher, universeller und viel näher an der Zeitgeschichte und der europäischen Politik. Für mich hat dieser Teil, den Goethe erst kurz vor seinem Tod 1832 beendet hat, keinen «Zwillingspartner» in der deutschen Dramatik.

Frage: «Faust II», heißt es, ist schwer zu inszenieren. Was macht das Stück so spannend?

Antwort: Die ganze Dramaturgie von «Faust II» ist eher modern. Es gibt große Raum- und Zeitsprünge im Vergleich zum ersten Teil. Im Zentrum steht zwar wieder der einzelne Mensch, der sich diesmal den Umwälzungen der Zeitgeschichte zu stellen versucht und darin untergeht. Es geht um die Prüfung der eigenen Identität. Faust ist auf der Suche nach dem Ideal und findet Helena. Seine Gier nach immer mehr Gewinn, nach Landgewinn lässt ihn auch vor Krieg und Mord nicht zurückschrecken. Vieles erscheint irrational. Aber es bleibt immer ein menschliches Thema und endet mit Fausts Tod.

Frage: Seit Generationen von Theaterbesuchern ist Faust der ewig strebende, der positive Held. Bei Ihnen nicht. Warum?

Antwort: Fausts positive Eigenschaften sind für mich ein pures Missverständnis. Er ist chaotisch, negativ, ein destruktiver Typ - schon im «Faust I». Auch im zweiten Teil ist Mephisto bewusster Wegbegleiter Fausts. Aber Faust ist viel härter und rigoroser als er selbst.

Frage: Was erwartet die Besucher zur Premiere?

Antwort: Zunächst einmal rund dreieinhalb Stunden Theater. Es ist eine Strichfassung, aber alle fünf Akte werden auf der Bühne zu erleben sein. Goethe-Fans werden bei der einen oder anderen Szene vielleicht die Stirn runzeln, aber das ist legitim. Wie im ersten Teil spielt Lutz Salzmann den Faust, Sebastian Kowski den Mephisto.

ZUR PERSON: Hasko Weber (52) ist seit der Spielzeit 2013/14 Generalintendant in Weimar. Der gebürtige Dresdner studierte an der Theaterhochschule «Hans Otto» in Leipzig Schauspiel. Ab 1989 war er Schauspieler und Regisseur an den Städtischen Bühnen Karl-Marx Stadt. Dort gründete er während des Zusammenbruchs der DDR die «Dramatische Brigade», die künstlerisch und politisch für Aufsehen sorgte. Mit 29 Jahren wurde Weber 1993 Schauspieldirektor am Staatsschauspiel Dresden. Es folgten Jahre als freier Regisseur. Von 2005 bis 2013 war er Intendant am Schauspiel Stuttgart. Das Leitthema seiner ersten Spielzeit dort: Goethes «Faust».