IOC-Exekutive entscheidet über Olympia-Bann Russlands

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) muss im Dopingskandal um Russland eine historische Entscheidung von großer Tragweite treffen.

IOC-Exekutive entscheidet über Olympia-Bann Russlands
Laurent Gillieron IOC-Exekutive entscheidet über Olympia-Bann Russlands

Unter der Führung des deutschen Präsidenten Thomas Bach berät das Exekutivkomitee des IOC am Mittag bei einer Telefonkonferenz, ob nach den russischen Leichtathleten das komplette Land von den Sommerspielen in Rio de Janeiro ausgeschlossen werden soll. Ob die Entscheidung auch am Sonntag verkündet wird, ist offen.

Kurz vor dem IOC-Beschluss zu einem möglichen Bann von den Rio-Spielen, die am 5. August eröffnet werden, hat der frühere Sowjetpräsident Michail Gorbatschow an Bach appelliert, Russland nicht komplett auszuschließen. «Mich beunruhigt und betrübt die Möglichkeit, dass dann zusammen mit den Tätern auch Unschuldige bestraft werden», schrieb der Friedensnobelpreisträger in einem in Moskau veröffentlichten Brief. Das Prinzip der kollektiven Strafe sei unannehmbar. «Es widerspricht der Kultur der olympischen Bewegung», betonte Gorbatschow.

Demonstrativ kündigte Kremlchef Wladimir Putin zudem die Gründung einer neuen Anti-Doping-Kommission in Russland an. Die Leitung soll vermutlich der 81-jährige Witali Smirnow übernehmen, der seit 45 Jahren IOC-Mitglied ist. «Er hat einen absolut tadellosen Ruf und genießt das Vertrauen der olympischen Familie», sagte Putin der Agentur Interfax zufolge.

Das IOC wird die Entscheidung, ob das Nationale Olympische Komitee Russlands suspendiert wird, vor allem auf Grundlage des Ermittlungsberichts der Welt-Anti-Doping-Agentur zu den schweren Doping-Anschuldigungen gegen Russland fällen. In dem Report von WADA-Chefermittler Richard McLaren war ein staatlich angeordnetes systematisches Doping nicht nur in der Leichtathletik festgestellt worden.

Der Internationale Sportgerichtshof CAS hatte am vergangenen Mittwoch die Suspendierung des russischen Leichtathletik-Verbandes durch den Weltverband IAAF als regelkonform bestätigt.

Bisher ist noch nie ein Land wegen Dopingvergehen komplett von Olympischen Spielen ausgeschlossen worden. Die damalige UdSSR hatte 1984 die Sommerspiele in Los Angeles boykottiert. Dies war die Reaktion auf den Boykott westlicher Länder der Spiele 1980 in Moskau wegen des Einmarsches sowjetischer Truppen in Afghanistan.

Die IOC-Exekutive muss auch prüfen, ob die Suspendierung eines Nationalen Olympischen Komitees wegen Dopingvergehen juristisch durch die Olympische Charta und den Welt-Anti-Doping-Code abgesichert ist. Eine ganz eindeutige Regel, die für die Causa Russland zutrifft, ist weder in der Charta noch im Kodex fixiert.

Dass Doping auch nach einem IOC-Entscheid ein Topthema bleiben wird, zeigten die jüngsten Ergebnisse von Nachtests der vergangenen beiden Olympischen Sommerspiele. Wie das IOC mitteilte, sind weitere 45 Teilnehmer von Peking 2008 sowie London 2012 positiv auf Doping getestet worden. Damit hat sich die Gesamtzahl positiv getesteter Athleten aus den bisherigen Nachtests auf 98 erhöht. Und nicht alle dieser nachträglich entlarvten Dopingsünder kommen aus Russland.

Bei den Olympischen Spielen 2012 erreichte Russland mit 81 Edelplaketten (24x Gold/25x Silber/32x Bronze) hinter den USA (103), China (88) und Großbritannien (65), das häufiger als Russland Gold gewann, den vierten Platz im Medaillenspiegel. Deutschlands Athleten holten 44 Medaillen und belegten in der Rangliste Platz sechs.