Islamisten terrorisieren liberale Assad-Gegner

Salama (dpa) - Erst hatten die Menschen in den Rebellengebieten nur Angst vor den Truppen des Regimes. Jetzt werden sie zusätzlich von radikalen Islamisten terrorisiert. Niemand weiß, wie ein US-Militärschlag die Situation verändern würde.

«Die kommende Woche wird sehr hart - Schlaflosigkeit», ist der letzte Satz, den der syrische Orthopäde und Chirurg Mohammed Abjad auf seine «Facebook»-Seite schreibt. Die Arbeit in der Behelfsklinik der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, die in der Provinz Aleppo Flüchtlinge und Kriegsverwundete versorgt, setzt dem sensiblen jungen Mann zu. Er sehnt den Sturz von Präsident Baschar al-Assad herbei. Seine Patienten warnt er vor den radikalen Islamisten, die sich in den umliegenden Dörfern eingenistet haben.

Vier Tage später dringen vier maskierte, bewaffnete Männer nachts in die Unterkunft des Klinikpersonals ein, die nur wenige Kilometer von der türkischen Grenze entfernt liegt. Sie wecken einen Arzt, der wegen der Hitze im Innenhof schläft, bedrohen ihn und fragen nach dem Zimmer von Mohammed Abjad. Dann zerren sie ihr Opfer aus seinem Bett. Sie fahren mit dem 27 Jahre alten Mediziner auf ein Feld in der Nähe des Dorfes Deir al-Dschamal. Mohammed Abjad stirbt durch einen Kopfschuss.

«Niemand hat die Gesichter der Entführer gesehen, aber wir sind uns sicher, dass er von islamistischen Extremisten getötet wurde», sagt ein guter Freund und Kollege aus der Klinik, der seinen Namen aus Angst um sein eigenes Leben nicht veröffentlicht sehen will. «Mohammed hat den Patienten immer gesagt, dass er gegen die Islamisierung des Staates ist, das ist ihm wohl zum Verhängnis geworden». Der Freund, der Abjad schon während seiner früheren Arbeit im Rasi-Krankenhaus in Aleppo kannte, kann seine Trauer kaum in Worte fassen. Er sagt: «Heute wäre Mohammeds Geburtstag gewesen. Seine Familie ist heute gekommen und hat seine Sachen abgeholt. Es war schrecklich.»

Die Leiche des jungen Mannes sah schrecklich aus, als sie von einem Bewohner des nahe gelegenen Dorfes Tel Rifaat gefunden wurde. Er fotografierte den unbekannten Toten und veröffentlichte das schreckliche Bild im Internet auf der Seite des Revolutionskomitees von Tel Rifaat. Dort entdeckten es am vergangenen Dienstag, wenige Stunden nach seinem Verschwinden, die Freunde des Arztes.

«Wir sind empört über diesen Angriff auf einen jungen, sehr motivierten Chirurgen, der arbeitete, um Syrern, die von diesem Konflikt betroffen waren, das Leben zu retten», erklärt der Generaldirektor von Ärzte ohne Grenzen (Médecins Sans Frontières, MSF), Joan Tubau. Die Arbeit in der syrischen Klinik werde weitergehen, betont ein MSF-Sprecher. Auch das Ärzte-Komitee des revolutionären Übergangsrates von Aleppo hat die Ermordung des jungen Mediziners verurteilt. In einer Erklärung, die das Komitee wenige Stunden nach seinem Tod veröffentlichte, heißt es: «Wir werden alles daransetzen, dieses verabscheuungswürdige Verbrechen aufzuklären und die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen.»

Einfach wird das nicht sein. Denn die Kämpfer der Al-Nusra-Front und der bei den Zivilisten noch mehr verhassten Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und in Syrien (ISIS) sind in einigen Städten und Dörfern inzwischen mächtiger als die lokalen Brigaden der Freien Syrischen Armee (FSA). Das wissen auch westliche Geheimdienste, von denen deshalb einige vor einem vollständigen Zusammenbruch der staatlichen Ordnung in Syrien - etwa nach einem westlichen Militärschlag - warnen.

Die Freunde von Mohammed Abjad sehen das anders. Sie meinen: «Der erste Schritt hin zur Bekämpfung der Extremisten ist der Sturz des Regimes.»