IWF warnt vor anhaltender Konjunkturschwäche in Europa

Die Eurozone muss sich nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) längerfristig auf ein schwaches Wirtschaftswachstum einstellen.

Zwar habe sich die Konjunktur in der Region zuletzt erholt, aber für die Zukunft gebe es derzeit kaum Aussichten auf eine weitere Verbesserung, heißt es in der aktuellen IWF-Prognose für die Weltwirtschaft, die am Dienstag in Washington veröffentlicht wurde. 

Die Überalterung der Gesellschaft, geringe Investitionsbereitschaft und eine zu langsame Zunahme der Gesamtproduktivität seien die Hauptgründe. «Die Erwartung eines geringeren Wachstumspotenzials schwächt bereits heute Investitionen», sagte IWF-Chefökonom Olivier Blanchard. Der Fonds fordert mehr öffentliche Ausgaben, etwa für Infrastruktur und Bildung. So würden neue Arbeitsplätze geschaffen, die Bürger könnten mehr ausgeben und ihre Schulden tilgen. 

Auf kurze Sicht erhöhte der IWF allerdings seine Prognose für die Eurozone. Für dieses Jahr erwartet der Währungsfonds ein Wachstum von 1,5 Prozent, im kommenden Jahr sollen es 1,6 Prozent sein. 2014 hatte die Wirtschaft lediglich um 0,9 Prozent zugelegt, im Jahr zuvor war der Währungsraum noch in der Rezession. Auch für Deutschland verbesserte sich die Prognose auf 1,6 Prozent in diesem Jahr und 1,7 Prozent im kommenden. Die Werte sind 0,3 und 0,2 Prozentpunkte höher als in der Januar-Schätzung.

Wie andere wichtige Wirtschaftsräume habe die Eurozone stark vom niedrigen Ölpreis profitiert, erklärte der IWF. Die Zinssenkungen der Europäischen Zentralbank hätten ebenfalls einen positiven Effekt. Ein teurer Dollar habe zudem der Exportwirtschaft geholfen. Produkte aus dem Euroraum werden dadurch auf wichtigen Märkten wie den USA billiger. Das erhöht die Absatzchancen.

Auch Euro-Länder wie Griechenland, Spanien, Frankreich und Italien verzeichnen laut IWF 2015 und 2016 ein ansehnliches Plus beim Bruttoinlandsprodukt. Nahezu überall in der Eurozone werde die Arbeitslosigkeit sinken. «Die Wahrscheinlichkeit einer Rezession ist nicht auf null gesunken, ist aber deutlich zurückgegangen», sagte Blanchard.

Allerdings warnte Blanchard vor einem möglichen Scheitern der Schuldenverhandlungen von internationalen Geldgebern mit Griechenland. «Eine griechische Krise kann nicht ausgeschlossen werden - es wäre ein Ereignis, das Finanzmärkte erschüttern könnte», sagte er. Ein Ausstieg aus der Eurozone wäre für das Land «extrem teuer, extrem schmerzhaft». Der Rest der Währungsunion sei für einen «Grexit» hingegen besser gewappnet als früher. 

Weltweit rechnet der IWF in diesem Jahr mit einem Wachstum von 3,5 und 2016 mit 3,8 Prozent. In den beiden Vorjahren lag es bei 3,4 Prozent. Besser als zuletzt stünden die großen Volkswirtschaften da, während die Konjunktur in Entwicklungs- und Schwellenländern etwas nachgelassen habe. Die russische Wirtschaft werde in diesem Jahr um 3,8 Prozent schrumpfen und damit deutlich stärker als erwartet. Brasilien rutsche in die Rezession, sagte der IWF voraus.

Die Welthandelsorganisation (WTO) senkte derweil ihre Wachstumsprognose für den globalen Handel. In diesem Jahr soll der Welthandel nur noch um 3,3 Prozent zulegen, wie die WTO am Dienstag in Genf mitteilte. Im vergangenen September war sie noch von einem Wachstum von 4,0 Prozent für 2015 ausgegangen. Ein solcher Zuwachs wird nun erst für 2016 erwartet. 

Die WTO begründete die getrübten Aussichten unter anderem mit den Währungsschwankungen und einer Abschwächung des Wirtschaftswachstums in Schwellenländern. Auch geopolitische Spannungen wirkten sich negativ aus, hieß es. In der EU deute sich zwar eine stärkere Konjunkturerholung an. Allerdings dürften die Wachstumsraten nicht ausreichen, um den Welthandel anzukurbeln.

Die längerfristig gedämpften Wachstumsaussichten in Europa begründete der IWF auch mit der zurückliegenden Euroschulden-Krise. Viele Euro-Staaten und Haushalte kämpften weiter mit hohen Schulden. Investoren seien noch immer pessimistisch und trauten sich nicht, ihr Geld einzusetzen. Auch flößen Kredite weiterhin zu langsam, weil die Banken durch Altlasten in den Bilanzen insgesamt nicht stabil genug seien.