Jack Lang: Politiker haben die Kultur vergessen

Louvre-Pyramide, Tage des offenen Denkmals und die «Fête de la Musique»: Jack Lang (75) hat als Kulturminister in der Ära des sozialistischen Präsidenten François Mitterrand Frankreich mit seinen Ideen geprägt.

Jack Lang: Politiker haben die Kultur vergessen
Ian Langsdon Jack Lang: Politiker haben die Kultur vergessen

Als Leiter des Pariser Institut du monde arabe will er heute ein positiveres Kulturbild der arabischen Welt vermitteln. Kritisch sieht der Ex-Minister die aktuelle französische Kulturpolitik, wie der Sozialist der Deutschen Presse-Agentur in Paris sagte.

Frage: Viele Festivals und Kultureinrichtungen gehen auf ihre Zeit als Kulturminister zurück. Wie sehen Sie die heutige Kulturpolitik Frankreichs?

Antwort: Ich fürchte, die Regierungen, gleich ob politisch rechts oder links, haben vor lauter Wirtschaftsproblemen die Kultur vergessen.

Frage: Heißt das, dass die Regierungen sich heute nicht mehr für Kultur interessieren?

Antwort: Wir brauchen Initiativen und mehr Dynamik, vor allem aber Begeisterung. In den Schulen sollte es Programme geben, die Kunst und Kultur in den Vordergrund stellen.

Frage: Sie haben 1981 in Frankreich die Buchpreisbindung eingeführt. Der US-Online-Versandhändler Amazon versucht, durch Rabatte diese zu unterlaufen. Haben Sie Angst um die Zukunft des Buches?

Antwort: Ich habe mich damals von Deutschland inspirieren lassen, das die Buchpreisbindung schon im 19. Jahrhundert eingeführt hat. Die Buchhändler müssen sich modernisieren und mobilisieren. So wie in Deutschland, wo rund 1000 Schriftsteller vor wenigen Monaten mit einem offenen Brief gegen Amazon protestierten. Jeder Sieg muss immer wieder neu erkämpft werden.

Frage: Aus Frankreich kommen die meisten Nobelpreisträger für Literatur. Dieses Jahr ging die Auszeichnung an Patrick Modiano. Worin liegt das Besondere der französischen Literatur?

Antwort: Das ist schwer zu sagen. Frankreich lebt von seinem Image als Kulturnation. Aber ich denke, auch die Mitglieder des Auswahlkomitees folgen ihrem persönlichen Literaturgeschmack.

Frage: Die jetzige Kulturministerin Fleur Pellerin gestand, dass sie noch nie ein Buch von Modiano gelesen habe. Hat Sie das nicht schockiert?

Antwort: Frau Pellerin ist eine intellektuelle Frau. Ich begegne ihr regelmäßig in der Oper oder auf Konzerten. Es geht nicht darum, ein enzyklopädisches Wissen zu haben.

Frage: Frankreich hat 2010 das umstrittene Gesetz Hadopi erlassen, das illegales Herunterladen von Software, Musik oder Filmen mit einer Sperre des Internetanschlusses sanktioniert. Sie haben als einziger Sozialist dafür gestimmt. Was hat Ihre Parteikollegen so abgeschreckt?

Antwort: Das war ein Skandal. Meine Parteikollegen waren nur dagegen, weil das Gesetz von der Regierung des konservativen Ex-Präsidenten Nicolas Sarkozy auf den Weg gebracht wurde. Das Gesetz wurde seitdem immer mehr ausgehöhlt. Keine wirklichen Lösungen zu finden, scheint das Problem der jetzigen Regierung zu sein. Aber es gibt auch Gutes.

Frage: Zum Beispiel?

Antwort: François Hollandes Außenpolitik zum Beispiel, die Transparenz der Abgeordnetengehälter oder die Homo-Ehe.

Frage: Während der diesjährigen Pariser Messe für zeitgenössische Kunst wurde eine Skulptur des US-Künstlers Paul McCarthy zerstört. Ihre phallische Form schockierte. Wenig später wurde im Rahmen eines Fotofestivals in Paris ein Foto zensiert, auf dem Mutter und Tochter nackt zu sehen sind. Wird Frankreich prüde und puritanisch?

Antwort: Solche Zwischenfälle gab es schon immer. Dabei brauche ich nur an die monatelange Polemik um die von mir in Auftrag gegebenen gestreiften Säulen von Daniel Buren in den Gärten des Palais Royal zu denken oder an die Pyramide im Louvre. Mir ist Polemik lieber als Konformismus. Polemik regt zu Diskussionen an. Heute ist mir Frankreich schon fast zu ruhig.

ZUR PERSON: Jack Lang wurde am 2. September 1939 in einer jüdischen Familie in Mirecourt in Lothringen geboren. Sein Interesse für das Theater diente dem Juristen als Sprungbrett an die Spitze des französischen Kulturministeriums (1981-1986 und 1988-1993). Seit Anfang 2013 leitet er das Pariser Institut du monde arabe.