Jan Böhmermann narrt die Nation

Jan Böhmermann meldet sich gern bei aktuellen Debatten zu Wort. Doch noch nie hatte er soviel Aufmerksamkeit wie jetzt. Ein schlimmer Finger bewegt Deutschland.

Hunderttausende klickten am Donnerstag einen Clip an, in dem sich Böhmermann als Fälscher des «Stinkefingers» von Gianis Varoufakis rühmte.

Das seit Tagen kursierende Video, in dem der heutige griechische Finanzminister Deutschland die obszöne Geste zeigt, sei seine, Böhmermanns, Schöpfung, prahlte der Moderator vom Spartenkanal ZDFneo, der neuerdings auch spätabends im ZDF zu sehen ist. Seine «kleine gebührenfinanzierte Loser-Show» stecke hinter dem Mittelfinger. Varoufakis habe in Wahrheit nur mit den Händen gefuchtelt. Stundenlang weiß Deutschland nicht: Stimmt das?

«Lieber Günther Jauch, liebe ARD, liebe "Bild"-Redaktion», flötet der schmächtige Vollbartträger harmlos in die Kamera. «Einmal bitte tief durchatmen, vielleicht nehmen Sie sich mal einen Stuhl, setzen sich hin. Sie müssen jetzt ganz, ganz stark sein.» Dann bringt der 34-Jährige angebliche Beweise für die Fälschung.

«Neo Magazin Royale»-Redakteurin Sanja P. habe Kontakte nach Kroatien, wo Varoufakis bei einem Kongress 2013 laut dem bei Günther Jauch gezeigten Video den Stinkefinger hochgehalten haben soll. Der Finger sei hineinmontiert worden. Die kroatische Freundin der Redakteurin, die dabei geholfen haben soll, kommt zu Wort - und der mutmaßliche Darsteller von Varoufakis' Arm, als Pat M. vorgestellt, ebenfalls.

Gianis Varoufakis war am Sonntagabend bei der ARD-Talkshow «Günther Jauch» mit dem Mittelfinger konfrontiert worden und hatte sich offensichtlich geärgert. «Das ist gefälscht», hatte der Grieche in Jauchs Sendung gesagt. Böhmermanns Behauptung nahm er am Donnerstag prompt zum Anlass, bei Twitter eine Entschuldigung zu fordern.

Die «Günther Jauch»-Produktionsfirma betonte derweil ohne jede Ironie, man könne «in Böhmermanns Beitrag keinerlei Belege für die Fälschungs-Behauptung entdecken». Man halte an der Einschätzung verschiedener Experten fest, die das Video als authentisch einstuften.

Doch die angebliche Fälschung ist selbst eine Fälschung - und Satire, wie das ZDF schließlich klarstellt. Das Ganze wäre auch nur eine bloße Satire, hätte sie nicht überdies eine ungewöhnlich brisante politische Dimension. Das Verhältnis zwischen Deutschland und Griechenland ist angesichts der Euro-Krise und finanzieller Forderungen der Griechen wie etwa Reparationszahlungen ohnehin gespannt.

Dennoch sind viele von der Aktion angetan, zum Beispiel Stefan Sichermann, Gründer der Satirezeitung «Postillon» aus Fürth, die täglich Schabernack im Netz betreibt. Die «Postillon»-Redaktion finde «logischerweise großartig, was der Kollege da abgeliefert hat. Ist ja nicht so, dass wir sowas nicht machen würden. Schade eigentlich nur, dass das ZDF so früh aufgelöst hat.»

Und was sagt die ARD, auf deren Kosten der Witz ja auch ein bisschen ging? NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz drückt es bei Twitter so aus: «Satire ist Satire ist Satire. Sie darf alles. Muss aber nicht.»