Je suis Fastnacht bei «Mainz bleibt Mainz»

Tod und Terror gehören eigentlich nicht in einen Saal, in dem Unmengen Konfetti von der Decke rieseln und sich Menschen schunkelnd in den Armen liegen.

Je suis Fastnacht bei «Mainz bleibt Mainz»
Christoph Schmidt Je suis Fastnacht bei «Mainz bleibt Mainz»

Aber nun, 2015, geht es eben nicht anders. «Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht» ist vielleicht die Mutter aller Fernsehfastnachtssitzungen. In dieser Form gibt es sie seit mehr als 40 Jahren. Die Redner haben das Selbstverständnis, auch sperrigen Themen nicht aus dem Weg zu gehen.

Und so formuliert Hans-Peter Betz in seiner Rolle als Johannes «Guddi» Gutenberg eine Zeile über islamistische Terroristen: «Sprengen sich selbst in die Luft und meinen sie kämen deswegen ins Paradies. Ich glaube nicht, dass sich Allah die Zeit nimmt, um solche Arschlöcher noch mal zusammenzusetzen.» Anschließend steigt er auf seinen Sockel und hält das Schild «Je suis Charlie» in die Höhe - das Zeichen der Solidarität mit den Opfern der Terroranschläge von Paris.

Zu sehen ist das an diesem Freitag (20.15 Uhr) in der ARD - geprobt wird schon zwei Tage vorher. Vor dem Probelauf schwebten zwei bleischwere Themen über dem Kalauerklassiker: Wie werden die Büttenredner mit den Anschlägen umgehen? Und wie mit dem Tod ihres beliebten «Boten vom Bundestag», Jürgen Dietz, der am vergangenen Samstag im Alter von 73 Jahren gestorben war. Die Redner finden darauf recht unterschiedliche Antworten.

Nicht alle wählen so direkte Worte wie «Guddi» Gutenberg. Aber fast alle politischen Redner haben Zeilen zu Terror und Pressefreiheit im Programm. So wie Friedrich Hofmann alias «Till»: «Wenn auch Satire messerscharf, aus meiner Sicht nicht alles darf. Denn auch der Narr darf nicht drauf setzen, Gefühle anderer zu verletzen.» Kabarettist Lars Reichow geht in eine ähnliche Richtung: «Ich finde, wir sollten niemanden beleidigen. Wenn die Satire alles darf, dann kann sie sich auch mal zurückhalten.»

Den Abschied vom «Boten vom Bundestag» übernimmt Sitzungspräsident Andreas Schmitt als «Obermessdiener» mit gewohnt voluminöser Stimme - die bei diesem Part aber hörbar angeschlagen wirkt. «Für einen Fastnachter aus dieser Stadt, der wohl jetzt seinen größten Auftritt hat. Weil er als Bote vom Bundestag gezielt, nun oben auf der großen Bühne spielt!», ruft er in den Saal. Der singt danach «Wir leben im Schatten des Doms, und Gott Jokus singt mit uns ein Halleluja» - eine emotionale Mischung aus Herz und Tradition, keine Trauerzeremonie.

Wer glaubt, dass die beiden eher ernsten Themen den Witz verdrängen, irrt allerdings. In der Politik bekommen es alle ab: Ursula von der Leyen («Die kühle Frau mit dem blonden Stahlhelm», Lars Reichow) mit ihrer Bundeswehr («Das Material ist völlig veraltet. In einigen Soldatenspinden hängen noch Pin-ups von Zarah Leander und Eva Braun», Guddi Gutenberg), die Griechen («Wo ein Grieche ist, da ist auch ein Kredit», noch mal Reichow).

Und natürlich schimmert auch immer wieder der recht männlich-konservative Ansatz durch, der viele Menschen an Fastnachtssitzungen entweder abschreckt oder fasziniert. Scherze über Frauen beim Einparken und Veganer sind Dauerläufer des Abends. Umso besser, dass die Planer zwei frischen Kräften den Schlusstusch vor dem Finale überlassen - Martin Heininger und Christian Schier.

Am Freitagabend soll sich nicht mehr viel am Ablauf ändern. Die Redner werden ihre Texte ein wenig nachjustieren. So wie wohl Lars Reichow. Als einer seiner Gags mal im Saal versandet, fragt er offen «Den lass ich am Freitag mal weg, oder?». Und rettet die Pointe.