Jörg Pilawa: Warum werde ich nur an einem Montag 50?

Denkbar dumm gelaufen. An einem Montag wird Jörg Pilawa 50 Jahre alt. Am Montag! Da muss er arbeiten, Live-Sendung des ARD-«Quizduells». Wie an jedem Wochentag.

Jörg Pilawa: Warum werde ich nur an einem Montag 50?
Georg Wendt Jörg Pilawa: Warum werde ich nur an einem Montag 50?

«Also», sagt er. «Ich habe um 18 Uhr die Livesendung. Meine Mutter hat sich angekündigt als Gast. Und ich werde sie fragen, wie man unter Schmerzen auf die Idee kommen kann, jemanden auf die Welt zu bringen, ohne sich vorher Gedanken zu machen, dass er an einem Montag 50 wird.» Die Folge des schlechten Timings: «Wenn man dann erst am Freitag oder Samstag danach feiert, geht man auf die 51 zu oder ganz scharf auf die 60.»

Also feiert er seinen Geburtstag doch am Montag mit «Familie und Freunden» beim Abendessen. Das klappt in der Regel zügig: Denn nach dem Ende der Sendung ist Pilawa, der nicht weit weg vom Gelände des Studio Hamburg wohnt, spätestens um 19.30 Uhr zu Hause und kann mit seiner Frau Irina und den drei Kindern noch zu Abend speisen. «Ein Arbeitstag von 15 Uhr bis 19.30 Uhr», sagt Pilawa. «Das ist Luxus.» An fünf Tagen in der Woche bestreitet er seine Vorabendshow live, 40 in der Herbstperiode. Dazu kommen voraussichtlich noch drei Abendtermine für die Show «Spiel für Dein Land» - das war's.

Mehr Abend-Auftritte gibt es nicht. Pilawa tritt bewusst kürzer. Vorbei sind die Zeiten mit 220 Vorabend- und 20 Abendterminen. «Ich mache sukzessive weniger als vor zehn Jahren», sagt der gebürtige Hamburger. «Das ist auch der Grund, warum ich vor zwei Jahren vom ZDF weggegangen bin, wo ich 30 Abendtermine im Jahr hatte. Und ich wache lieber 100 Mal mehr im Jahr zu Hause neben meiner Frau auf als in irgendeinem Hotel.» Ganz aufhören wie ein Stefan Raab kann er sich nicht vorstellen. Dessen Motive erschließen sich Pilawa nicht. «Es gehört aber viel Mut dazu, auf dem Zenit seines Schaffens aufzuhören. Ich bedaure es aber, weil ich ihn für den größten Ideengeber des Fernsehens in den vergangenen Jahren halte.»

Pilawa, der seine Karriere beim Radiosender R.SH begann und über Sat.1 zur ARD fand, ist in seiner TV-Karriere gerne als «Dauermoderierer», als «Schwiegermutters Liebling» oder als «Allzweckwaffe» bezeichnet worden. Er hat nie ganz den Rang eines Thomas Gottschalk, eines Günther Jauch oder eines Stefan Raab eingenommen. Er gehörte aber als festes Ensemblemitglied in die zweite Reihe, in der auch ein Johannes B. Kerner oder ein Kai Pflaume anzusiedeln sind. Er weiß, dass die Gattung Entertainer seiner Generation zu einer aussterbenden Spezies gehört. «Wir hatten früher 10 bis 15 Millionen Zuschauer am Showabend im TV - das wird es nie wieder geben. Aber ganz ehrlich: wenn ich als Kind die Wahl gehabt hätte, mit meinen Eltern Hans-Joachim Kulenkampffs «Einer wird gewinnen» oder US-Serien im eigenen Zimmer zu gucken, hätte ich mich für die Serien entschieden.» Doch die Wahl gab es gar nicht.

Pilawa, der ewige Sonnyboy und Lausbub ist ein Quotengarant, meist eine feste Bank, auf die Verlass ist. Den Sprung auf den Olymp hat er nicht riskiert. 2012 lehnte er, noch zu ZDF-Zeiten, die Nachfolge von Thomas Gottschalk bei «Wetten, dass..?» ab. Markus Lanz übernahm, inzwischen ist der Showklassiker beendet. Pilawa hatte den richtigen Riecher bewiesen. Er hatte aber auch einige Nackenschläge zu verkraften, und das schon früh in seiner Karriere. Das beschreibt er in seinem jüngst erschienenen Buch «Bin ich eigentlich bekloppt?».

Zum Beispiel reiste er als junger Hörfunkreporter 1994 zur Fußball-WM in die USA und stellte fest, dass er keine Akkreditierung hatte - im Hotelzimmer ließ er den Fernsehapparat laufen und hatte so O-Ton. Später im TV entpuppte sich die Moderation des Deutschen Filmpreises als Fiasko für ihn, die Entscheidung, die «NDR Talk Show» zu übernehmen, war ein Fehlgriff, zuletzt die Show «Sing wie Dein Star», ein Quotenflop im Ersten: Es gibt eben nicht genug Prominente, die in aller Öffentlichkeit wie ihr Lieblingsmusiker singen wollen.

Der Moderator ist allerdings nicht nur vor der Kamera aktiv, er entwickelt auch hinter den Kulissen Alternativen zum aktuellen TV-Business. Mit seiner Firma Herr P. kooperiert Pilawa, der in Kanada eine 36 000 Quadratmeter große Insel besitzt, mit einem kanadischen sozialen Netzwerk, das regionale Berichterstattung betreibt. Er produziert Kai Pflaumes Show «Kaum zu glauben», er entwickelt auch für Vox. «TV wird immer weniger abhängig von Köpfen», sagt er. «Es gibt kaum noch Formate, die sich mehr als zehn Jahre halten. Und jeder sechste hat keinen TV-Apparat mehr, 77 Prozent sind schon in Streamingdiensten unterwegs und meine Kinder haben ihre YouTube-Stars.» Überall sei die Veränderung zu spüren. Fazit: «Wir wissen nicht, wie das Fernsehen in fünf bis zehn Jahren aussieht.»