John Lennon wäre 75 geworden

Im Rückblick scheint alles wie in Nebel gehüllt. Tief ist der Brunnen der Zeit. Auf Youtube spukt er noch immer herum. Singt «Imagine» - ein Jungengesicht, mit Nickelbrille, die Stimme elegisch. Natürlich handelt der Song vom Weltfrieden. Mit kleinen Dingen hat sich John Lennon nie abgegeben.

John Lennon wäre 75 geworden
John Lennon wäre 75 geworden

Dass der Ober-Beatle nicht wirklich ermordet wurde, meinen manche Fans schon seit langem zu wissen. Kann da ein Twitter-Account John Lennon als letzter Beweis gelten? Auch in der Politik ist der Genius aus Liverpool präsent: So sang Shakira neulich vor der UN in New York, natürlich wieder «Imagine», natürlich ging es um die Rettung der Welt.

Yoko Ono, die äußerlich kaum gealterte Performance-Künstlerin und Lennon-Witwe, wollte anlässlich seines 75. Geburtstages (9. Oktober) etwas ganz, ganz Großes inszenieren. Am Central Park in New York trafen sich Fans, um das «größte menschliche Peace-Zeichen» zu bilden - zwar kamen Tausende, aus Lautsprechern ertönte «Oh Yoko!», doch die Richter vom Guinness-Rekord-Buch verweigerten die Anerkennung.   

BLICK ZURÜCK: Als die ersten Beatles-Songs Anfang der 60er Jahre rauskamen, gab es noch Single-Schallplatten, die auf einen Plattenteller gelegt wurden und sich dort mit einem Affenzahn drehten. Im Rückblick alles recht komisch: Bei ihren ersten TV-Auftritten traten die vier - Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr - noch in Schlips und Anzug auf, die Songs handelten von Liebe und waren kreuzbrav. War was?

Was war, war die Sache mit den Haaren. Die lagen den vieren zwar nur ein paar Zentimeter über dem Kragen. Nichts Bewegendes, im Rückblick gesehen. Aber ein Regelverstoß, der Eltern, Lehrer und sämtliche Erziehungsberechtigte dieser Welt damals auf die Palme brachte. Komisch eigentlich?

Das zentrale Wort hieß damals «zersetzend». Der Drive des Beat («Help», «A Hard Day's Night») und die Haare waren angeblich ähnlich zersetzend wie Onanieren unter der Bettdecke. Das waren Fragen, die damals ernsthaft diskutiert wurden.  

John Lennon, die Beatles und die wilden Jahre der 60er - Fakten und Mythos sind kaum mehr auseinanderzuhalten. John galt zwar nicht als bester Musiker der Vier (das war angeblich Paul McCartney), aber er war immer irgendwie der Anführer, das Alpha-Tier.

DIE ANFÄNGE: Zuerst spielten die vier aus Liverpool Rock 'n' Roll, etwa in Hamburg auf der Reeperbahn. Nichts wirklich Besonderes, vier lachende Milchgesichter in Jeans, die Haare noch kurz. Die erste Single hieß «Love Me Do». Sie schlossen mit Manager Brian Epstein einen Vertrag, der neulich bei Sotheby's in London für 494 000 Euro versteigert wurde. 

DER AUFSTIEG: Die Songs hatten Drive, der Beat war eingängig, die Texte wunderbar simpel («She loves You Yeah, Yeah, Yeah), aber zuweilen auch herrlich melancholisch («Michelle», «Yesterday»). Unkundige nannten die Songs noch «Schlager», aber das Jungvolk wusste: Das ist viel mehr. Das Wort Popmusik entstand.

DAS DRUMHERUM: Auch sonst geriet ab Mitte der 60er in der Gesellschaft einiges aus den Fugen. Stichwort: Anti-Baby-Pille, Miniröcke, sexuelle Freiheit. Die Popkultur gehörte dazu - unerklärlich, aber für junge Leute völlig eingängig.  

ERSTE KRISE: Die Musik löste einen weltweiten Rausch aus. 1964 waren 60 Prozent aller in den USA verkauften Singles Beatle-Platten, junge Mädchen fielen bei Konzerten reihenweise in Ohnmacht, der Bohei bei Konzerten war atemberaubend. Lennon begann das schon früh zu stören. «Wir hätten vier Wachsfiguren von uns hinstellen können und die Massen wären auch zufrieden gewesen», schimpfte er. Das war 1965.  

DIE HOCHPHASE: Doch es wurde immer verrückter. Die vier Typen rauchten Haschisch, zogen sich alte Uniformen an, nannten ihre Platte «St. Peppers Lonely Hearts Club Band». Das war im Hippie-Sommer 1967. Einer der schönsten Songs hieß «Lucy in The Sky with Diamonds». Wer damals unter 25 und nicht auf den Kopf gefallen war, wusste, dass der Song für LSD stand, eine Droge, die angeblich das Bewusstsein erweitern sollte, was vor allem Lennon sehr wichtig fand.

DER ABSTIEG: Dann gingen die Beatles nach Indien, meditierten über den Weltfrieden. 1969 ehelichte Lennon Yoko Ono, legte sich mit ihr öffentlich in ein Hotelbett, strich sich über den Rauschebart und schaute demütig durch die Nickelbrille. Motto: «Make Love, not War». Ein toller PR-Gag, Millionen junger Leute nahmen das damals ernst. Im Rückblick eher komisch - aber Humor hatte Lennon immer schon. 

DER BRUCH: Nur zehn Jahre dauerte der Beatles-Zauber. Angeblich war es die «Hexe» Ono, die die vier auseinanderbrachte. In Wahrheit wohl eher die Rivalität zwischen Lennon und McCartney. Lennon ganz cool: «Die Leute reden darüber, als sei es der Weltuntergang. Aber es hat sich nur eine Rockgruppe aufgelöst.»

DAS ENDE: Lennons Solokarriere (Plastic Ono Band) kam nie so recht ins Rollen. Immer wieder hatte er mit Drogen zu tun. Dafür brachte Yoko Ono das Kunststück fertig, ihm just an seinem eigenen Geburtstag 1975 Sohn Sean zu schenken. Der feiert an diesem 9. Oktober in New York seinen 40. Geburtstag, macht dort Musik, wenn auch eher im Stillen.  

Am 8. Dezember 1980 wird Lennon vor seiner Wohnung in Manhattan von einen Geistesgestörten erschossen. Seine letzten Worte: «Ich bin getroffen.»