Julia Holters Wunderwerk überstrahlt alles

Die höchstgelobte Platte dieses Herbstes stammt von Julia Holter. Aber auch ihre Singer-Songwriter-Kolleginnen Nerina Pallot und Mo Kenney müssen sich mit ihren neuen Alben nicht verstecken.

Julia Holters Wunderwerk überstrahlt alles
Julia Holters Wunderwerk überstrahlt alles

Es fällt schwer, den Kritikerhymnen auf «Have You In My Wilderness» von
noch Originelles hinzuzufügen. Nur soviel: Sie sind alle berechtigt. Vergleiche von Talk Talk («Tagesspiegel») bis «Joni Mitchell des digitalen Zeitalters» (
Rolling Stone»), oft auch Cocteau Twins, Björk und die wohl höchste Artpop-Referenz: Kate Bush. Einstufungen als ätherisch, experimentell und doch zugänglich. Kommt alles hin.

Nach den noch etwas sperrigen Einstiegsalben «Tragedy» (2011) und «Ekstasis» (2012) sowie dem bereits Richtung Pop tänzelnden «Loud City Song» (2013) legt die Amerikanerin also nun ihr Opus magnum vor. Selten wurden Indiepop, Folk und Jazz prachtvoller verwoben.

Einzelne Lieder von «Have You In My Wilderness» (Domino/Rough Trade) hervorzuheben lohnt sich nicht. Holters Platte ist ein Gesamtkunstwerk aus teils sinfonischen, teils elektronischen Klängen, enorm vielschichtigen Arrangements und einer traumhaft schönen, wandlungsfähigen, hin und wieder dezent verfremdeten Stimme. Man muss den Sirenengesang der 30-Jährigen nur im Titelstück hören - unterlegt von einem muckelig warm brummenden Standbass, sirrenden Streichern und tröpfelndem Piano -, um dieser Sängerin zu verfallen.

Na klar, das ist keine Partymusik (auch wenn das Tempo beim vergleichsweise aufgekratzten «Everytime Boots» mal anzieht). Na klar, das ist ein Album für kunstbeflissene Hipster - aber weit darüber hinaus für alle Freunde von Singer-Songwritertum auf allerhöchstem Niveau. Das sollte reichen, Julia Holter diesmal nicht nur in den Jahresbestenlisten der Kritiker weit nach oben zu befördern. Eine Platte, wie sie Lana Del Rey wohl irgendwann mal vorschwebte - ein intellektuelles Meisterwerk für die Charts.

Neben «Have You In My Wilderness» verblassen andere Veröffentlichungen talentierter Musikerinnen in diesen Wochen, aber die Britim
macht doch einigen Eindruck mit ihrem fünften Studioalbum seit 2001. «The Sound And The Fury» (Idaho/INGrooves/Rough Trade) enthält elf feine, melodische Lieder zwischen Pianopop à la Fiona Apple, Folkrock im Stil einer Aimee Mann, düster bluesigen Untertönen («Spirit Walks», «The Road») und etwas Elektronik. Zudem besticht die 40-Jährige mit ihrer eleganten Altstimme - und, das Allerwichtigste, überzeugendem Songwriting.

Der im Plattentitel angedeutete Zorn wird im Opener «There Is A Drum» spürbar, der sich um den Mord an einem britischen Soldaten dreht. «If I Had A Girl» beginnt mit einem Handclap-Groove und entwickelt sich zu einem mitreißenden Uptempo-Popsong. «The Road» geht ursprünglich auf das gleichnamige Roman-Meisterwerk von Cormac McCarthy zurück - das Thema ist Selbstbestimmung, eines der Motive der literarischen Vorlage. Nicht nur diese Einflüsse zeigen, dass die früher gern als etwas leichtgewichtig beurteilte Singer-Songwriterin Nerina Pallot mit «The Sound And The Fury» einen großen Schritt nach vorn gemacht hat.

Dritte und Jüngste eines Trios starker Frauen ist die Kanadierin
, die mit «In My Dreams» (New Scotland/Tunecore) ein erstaunlich reifes Album vorlegt. Konventioneller als Pallot und erst recht als Holter, stärker im Folk und Country-Rock verhaftet, ist dies doch eine solide, anspruchsvolle Songsammlung jenseits der üblichen Klischees, die in ihren besten Momenten an eine junge, noch etwas naive Lucinda Williams erinnert.

Dass die Aufwärtsentwicklung bei der 25-Jährigen aus Halifax noch lange nicht zu Ende ist, deuten Lieder wie das eindringliche, verspielte «Field Song» an. «Untouchable» wiederum erinnert von der Stimmung her an Kenneys großen Landsmann Neil Young und wird durch Gitarrenriffs, Orgel und Bläsersätze kräftig aufgepumpt. Und dass die Gitarristin auch Pop kann, beweist sie mit der hübschen Akustikballade «Pretty Things» und dem Piano-Stück «In My Dreams», in denen Mo Kenneys mädchenhafte Stimme endgültig bezaubert. Vergleiche mit Lorde, Foxes oder Lana Del Rey (auf ihrer eigenen Webseite) laufen hier endgültig ins Leere.   

Konzerte:

Julia Holter: 27.10. Zürich, Ziegel Oh Lac; 28.10. München, Kammerspiele; 29.10. Frankfurt/Main, Brotfabrik; 30.10. Hamburg, Uebel & Gefährlich; 5.11. Berlin, Berghain

Mo Kenney: 30.9. Ingolstadt, Oktober-Festival; 4.10. Berlin, Privatclub; 5.10. Hamburg, Nochtspeicher; 6.10. Leipzig, Moritzbastei; 7.10. Stuttgart, Café Galao; 9.10. Freiburg, Jazzhaus