Kanadische Autorin Munro erhält Literaturnobelpreis

Der diesjährige Literaturnobelpreis geht an die 82 Jahre alte Erzählerin Alice Munro - sie gilt als Königin der Kurzgeschichten und eine der wichtigsten Autorinnen Kanadas. Sie werde als «Virtuosin der zeitgenössischen Novelle» gewürdigt, teilte die Schwedische Akademie am Donnerstag mit.

Munro ist die 13. Frau in der 112-jährigen Geschichte des wichtigsten Literaturpreises der Welt. «Ihre Erzählungen spielen häufig im Kleinstadtmilieu, wo der Kampf von Menschen für ein würdiges Leben oft Beziehungsstörungen und moralische Konflikte erzeugt», erläuterte die Akademie in Stockholm.

Bedeutende Werke sind Bände wie «Wozu wollen Sie das wissen?» und «Himmel und Hölle» oder «Kleine Aussichten: Ein Roman von Mädchen und Frauen». Zuletzt erschien 2012 «Dear Life: Stories». Die Schauspielerin Sarah Polley verfilmte im Jahr 2006 eine von Munros Kurzgeschichten unter dem Titel «An ihrer Seite» (Away From Her).

«Sie kann auf 30 Seiten mehr sagen als ein durchschnittlicher Romanautor auf 300», sagte Jury-Sprecher Peter Englund in einem dpa-Interview. Munro schreibe Kurzgeschichten in sehr ökonomischer Prosa. Sie habe dies seit den 60er Jahren «fast bis zur Perfektion veredelt». «Es ist harte Arbeit, überflüssige Wörter oder Phrasen in ihrem Werk zu finden.» Ihre schriftstellerischen Fähigkeiten seien gewaltig. «Ich glaube, es gibt niemanden, der nichts mit ihrem Werk anfangen kann.»

Die 1931 geborene Munro veröffentlichte bisher nur einen Roman, dafür aber mehr als ein Dutzend Bände mit Short Storys. Ihre erste Sammlung (deutscher Titel: «Tanz der seligen Geister») erschien 1968. Sie erhielt im Laufe ihres Lebens bedeutende Auszeichnungen, darunter den Man-Booker-Preis für internationale Literatur.

Kollegen und Kritiker freuten sich über den Nobelpreis für die Kanadierin. Die Auszeichnung wird am 10. Dezember überreicht, dem Todestag des schwedischen Industriellen und Stifters Alfred Nobel (1833-1896). Der Preis ist mit umgerechnet rund 910 000 Euro (8 Millionen Schwedischen Kronen) dotiert.

Munro erzählte dem Sender CBC, wie sie von der Auszeichnung erfuhr - ihre Tochter habe sie geweckt. «Sie rief an und sagte "Mama, du hast gewonnen!".» Ihre Freude sei grenzenlos. Sie habe nicht gewusst, dass mit ihr seit 1901 nur 13 Frauen geehrt worden seien. «Das macht mich noch glücklicher, dass ich diesen Preis bekommen habe. Für uns als Frauen.»

Akademie-Sekretär Englund hatte bei der Bekanntgabe am Mittag gesagt, man habe die 82-Jährige nicht erreicht und ihr eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. Sie sei schon so alt, er hoffe, dass sie im Dezember über den Atlantik kommen könne.

Die Autorin lebt in der Provinz Ontario im Südosten Kanadas. Die Vergabe an Munro gilt als eher unpolitische Entscheidung des Nobelpreiskomitees. Kurz vor der Bekanntgabe war bei Wettanbietern die weißrussische Autorin und Dissidentin Swetlana Alexijewitsch (65) zur Favoritin aufgestiegen - die gelernte Journalistin erhält am Sonntag in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

«Im Namen aller Kanadier gratuliere ich Alice Munro, "Meisterin der zeitgenössischen Kurzgeschichte", zum Literaturnobelpreis», schrieb Premierminister Stephen Harper bei Twitter. Mit Munros Auszeichnung geht der Preis erstmals nach Kanada und 20 Jahre nach dem Preis für Toni Morrison wieder nach Nordamerika.

Der Literaturkritiker Denis Scheck («Druckfrisch») nannte es eine «sensationelle Wahl». «Das ist nicht nur eine Entscheidung für die neben Margaret Atwood tollste kanadische Autorin, sondern auch eine Entscheidung für die Form der Erzählung», sagte er auf der Frankfurter Buchmesse der Nachrichtenagentur dpa.

Auch Atwood zeigte sich erfreut über die Auszeichnung für ihre Landsfrau und Freundin: «Huurra! Alice Munro gewinnt den Nobelpreis für Literatur», twitterte die 73-Jährige. Munro hatte 2006 in einem Interview gesagt, Atwood und sie träfen sich einmal pro Woche zum Essen, immer im selben Restaurant, immer am selben Tisch. Der britisch-indische Schriftsteller Salman Rushdie («Die satanischen Verse») twitterte, Munro sei «eine wahre Meisterin ihrer Form».

Im vergangenen Jahr hatte der chinesische Romanautor Mo Yan («Das rote Kornfeld») den Literaturnobelpreis erhalten. Die Kurzgeschichten-Autorin Munro ist der 27. englischsprachige Preisträger. Letzte deutschsprachige Gewinner waren Herta Müller (2009), Elfriede Jelinek (2004) und Günter Grass (1999).

An diesem Freitag soll um etwa 11.00 Uhr der Name des Friedensnobelpreisträgers 2013 verkündet werden.