Kaninchen und Krankheiten: Wie der Papst die Kirche aufwühlt

Erst die Standpauke über die Krankheiten der Kurie, jetzt ein Zitat zur Fortpflanzung von Katholiken: Papst Franziskus mischt die Kirche auf. Mit seinem Kaninchen-Vergleich trifft er einen wunden Punkt.

Kaninchen und Krankheiten: Wie der Papst die Kirche aufwühlt
Ettore Ferrari Kaninchen und Krankheiten: Wie der Papst die Kirche aufwühlt

Es war eine Frage über das Bevölkerungswachstum auf den Philippinen, auf die ein flapsiger Vergleich über die Fortpflanzung von Katholiken und Kaninchen folgte. «Manche Menschen glauben - entschuldigen Sie den Ausdruck -, dass sich gute Katholiken wie Karnickel vermehren müssen», antwortete Papst Franziskus.

Er bewies damit wieder einmal, dass er die Welt mit spontanen Bemerkungen amüsieren kann. Aber dieses Zitat reiht sich nicht nur in die Serie spektakulärer Aussagen des 78-Jährigen ein. Es befeuert in der katholischen Kirche vor allem eine Debatte über Themen, die jahrzehntelang totgeschwiegen wurden und die im Herbst bei einer Bischofssynode ganz oben auf der Agenda stehen.

Franziskus sah sich am Mittwoch gezwungen, noch einmal Bezug auf die Aussagen zu nehmen und pries kinderreiche Familien. Zwei Tage zuvor hatte er auf dem Rückflug von seinem Besuch auf den Philippinen zum Ausdruck gebracht, dass Katholiken die Zahl ihrer Kinder kontrollieren und sich nicht ohne Ende fortpflanzen sollten.

Danach entspann sich eine Debatte, ob er damit das Verbot künstlicher Verhütungsmittel aufweichen wollte. Allerdings unterstützte Franziskus gleichzeitig die Haltung von Papst Paul VI., der das Verbot von Pille und Co. in der katholischen Kirche festschrieb.

Es sei ein «öffnendes Wort» gewesen, «kein Ja oder Nein» zu Verhütungsmitteln, sagte der katholische Dogmatik-Professor Wolfgang Beinert der Deutschen Presse-Agentur. «Franziskus redet Klartext, er provoziert und regt damit zum Nachdenken an.» In dieser Beziehung sei er ganz anders als seine unmittelbaren Vorgänger.

Allein die Tatsache, dass er das Tabuthema Sexualität und Verhütung anspricht - und dann mit solch einer Wortwahl (Radio Vatikan nannte sie «unglücklich») - ist eine Revolution, die viele Konservative in der römischen Kurie geschockt haben muss.

Denn dort wurde noch die Brandrede von Franziskus verdaut, bei der er kurz vor Weihnachten den Würdenträgern in der Kurie mit deutlichen Worten die Leviten las. Der Argentinier diagnostiziert dabei 15 Krankheiten, darunter «spirituellen Alzheimer» und «Terrorismus des Geschwätzes». «Papst Franziskus versucht, das konservative Lager in der Kurie aus den Verstecken herauszulocken und in eine offene Feldschlacht zu verwickeln», sagte Beinert.

Bei katholischen Reformbewegungen stieß Franziskus auf offene Ohren. Die Aussage sei eine große Chance, dass man beim Thema Sexualität ins Gespräch komme, sagte die Sprecherin der Initiative «Wir sind Kirche», Sigrid Grabmeier. Allerdings habe der Papst auch gezeigt, dass er sich in punkto Verhütungsmittel nicht wirklich weiterbewege. «Geschlechtsverkehr gehört zu einer Ehe dazu. Man hört nicht mit 30 oder 40 auf, weil man denkt, man hat genug Kinder.»

Wenn der Papst nicht wieder vorher sein Gefolge überrascht, wird das Thema Sex, Familie und Ehe spätestens im Oktober die Gemüter erhitzen. Dann kommen Bischöfe aus aller Welt für einen Monat im Vatikan zu einer Familiensynode zusammen.

Bei der vorangegangen Synode im Herbst 2014 diskutierten die Kirchenleute zwar, bis die Köpfe rauchten. Entscheidungen, wie die Kirche auf drängende Fragen zu Homosexualität, geschiedene Wiederverheiratete oder Verhütung reagiert, fielen damals jedoch nicht. Die Erwartungen sind jetzt hoch, dass die Worte von Franziskus nicht nur provokant sind, sondern auch Konsequenzen haben.