Kaum Verständnis für Lokführer-Streiks: «Unverschämt und gemein»

Für viele Fahrgäste der Bahn brachte es wenig, noch kurzfristig die Reisepläne zu ändern. Schon Stunden vor dem Lokführer-Streik fielen jede Menge Züge aus. Der Ärger war groß, das Verständnis gering.

Wer noch rasch bei der Bahn nach einem Zug für Mittwochvormittag suchte, musste vielfach feststellen, dass auch eine frühere Verbindung kein Ausweg war. Bereits kurz nach Mitternacht fielen Züge aus, weil der Konzern mit einem abgespeckten Ersatzfahrplan auf den für 14.00 Uhr angekündigten Lokführer-Streik reagierte.

Immerhin: Einer von drei geplanten Fernzügen sollte fahren. Statt darauf zu hoffen, setzten viele Fahrgäste jedoch auf Busse oder Taxis. Wer nicht mit anderen Verkehrsmitteln ans Ziel kam, musste Gelassenheit mitbringen. Das gelang nicht allen, im Gegenteil.

«Ich finde es eine Unverschämtheit», schimpfte Ingelore Pochert in Hannover. «Wir haben überhaupt keine Möglichkeit, etwas dagegen zu tun, obwohl wir ja dafür bezahlen», sagte die 57-Jährige, die sich gemeinsam mit ihrer Tochter Anna (34) auf einen Kurztrip nach Berlin gefreut hatte.

«Das ist eine Gemeinheit!», sagte ein älterer Mann in Osnabrück, der seinen Namen nicht nennen will. «Ich habe mir als Landwirt 40,50 Jahre lang das Schwarze unter den Fingernägeln erarbeiten müssen.» Der Streik werde auf dem Rücken der Bürger ausgetragen.

Viele Reisende fühlten sich von dem Ersatzfahrplan der Bahn überrumpelt. In Erfurt strandete eine Frau, weil am Vormittag kein Fernzug mehr ging. Sie habe kein Verständnis für den Streik: «Ich arbeite in der häuslichen Pflege. Wenn ich einfach streike, bleiben meine Patienten den ganzen Tag ohne Betreuung im Bett liegen», sagte sie.

Eine Herausforderung war der Tag für Reisende mit kleinen Kindern. «Für uns ist heute schon der zweite Zug ausgefallen, deswegen müssen wir nun anderthalb Stunden warten», sagte eine verärgerte 38-Jährige, die mit ihren drei kleinen Kindern am Hauptbahnhof in Hannover gestrandet ist.

Die Mitarbeiter am Informationsstand des Hauptbahnhofs waren oft selbst ratlos. Welche Züge noch fahren werden - das konnte sich jede Minute wieder ändern. «Wir können keine verlässlichen Angaben machen», sagt ein Mitarbeiter. Er sollte diesen Satz an diesem Tag noch oft wiederholen.

In Hamburg warben Mitglieder des Lokführergewerkschaft GdL am Mittag bei einer Kundgebung um Verständnis. «Wir wollen doch niemanden stören», sagte einer von ihnen. Das sahen einige Fahrgäste anders: «Eine kleine Gruppe von Egoisten legt ganz Deutschland lahm», rief ein Demonstrant verärgert.

Viele Reisende mieden die Bahngleise gleich und wichen auf Fernbusse und Taxen aus. Wer in München auf einen Mietwagen umsteigen wollte, hatte schlechte Karten. «Ohne Reservierung geht bei uns gar nicht mehr», sagte ein Mitarbeiter der Sixt-Filiale am Hauptbahnhof. Auch bei Hertz waren die Mietwagen knapp. «Ich weiß selbst nicht, wie ich heute Abend nach Hause kommen soll», sagte ein Mitarbeiter.

«Wir sind nicht traurig, dass gestreikt wird», meinte ein Taxifahrer am Hauptbahnhof Hannover. Sein Kollege erzählt von Taxifahrern, die bei dem Lokführerstreik vergangene Woche von Hannover nach Stuttgart, Berlin und sogar Paris fuhren. «Eine solche Fernfahrt und man hat die Einnahmen von einer Woche.»

Freude herrschte auch bei Fernbus-Anbietern: «Seit Dienstag verzeichnen wir zeitweise eine Verdopplung der Buchungseingänge», sagte MeinFernbus-Geschäftsführer Torben Greve und kündigte an, zusätzliche Busse einsetzen zu wollen. Auf Twitter wurde die Entwicklung so kommentiert: «@DB_Bahn dank dem Streik teste ich mal Fernbusse jetzt. So können die Lokführer ihre Jobs auch vernichten. #Streik #deutschebahn».