Kein Vertrauen in den Staat: Tag des Zorns in Mexiko

Stadt (dpa) - Mit einer der größten Kundgebungen seit dem mutmaßlichen Mord an 43 Studenten haben Demonstranten in Mexiko ihrem Ärger Luft gemacht. Von drei symbolträchtigen Orten in Mexiko-Stadt marschierten rund 30 000 Menschen auf den zentralen Platz Zócalo.

Das Verschwinden der Studenten hat einmal mehr die engen Verbindungen zwischen Staat und organisierter Kriminalität in Mexiko offengelegt.

Die Regierung von Präsident Enrique Peña Nieto gerät wegen des Falls immer stärker unter Druck. Seit Wochen gehen die Menschen gegen Gewalt und Straflosigkeit auf die Straße. Angehörige der verschleppten Studenten aus dem verarmten Bundesstaat Guerrero führten die Protestzüge an. Zuvor hatten sie im ganzen Land um Solidarität geworben.

Am Rande kam es zu Ausschreitungen. Vermummte Randalierer schleuderten Brandsätze und Feuerwerkskörper auf den Nationalpalast im historischen Zentrum der Hauptstadt. Sie skandierten «Mörder, Mörder». Demonstranten setzten eine Puppe von Präsident Peña Nieto in Brand. Die Polizei feuerte schließlich Tränengas in die Menge und räumte den Platz. Nach Angaben der Behörden wurden insgesamt 31 Menschen festgenommen.

Ende September waren in der Stadt Iguala Dutzende Studenten des linksgerichteten Lehrerseminars Ayotzinapa von der Polizei verschleppt und der kriminellen Organisation «Guerreros Unidos» übergeben worden. Bandenmitglieder räumten mittlerweile den Mord an den jungen Leuten ein. Hinter dem Verbrechen sollen der Bürgermeister der Stadt und seine Frau stecken. Die Familien und Kommilitonen der Opfer bezweifeln die bisherigen Ermittlungsergebnisse.

Zahlreiche Menschen demonstrierten in der Hauptstadt zunächst friedlich für eine vollständige Aufklärung der Tat. «Lebend habt ihr sie uns genommen, lebend wollen wir sie zurück» und «Gerechtigkeit, Gerechtigkeit» skandierten die Demonstranten. Auch in den Bundesstaaten Guerrero, Morelos, Puebla, Guanajuato und Tamaulipas gingen Menschen auf die Straße.

Auf Transparenten war zu lesen: «Ayotzinapa - es waren nicht die Narcos, es war der Staat». Als Narcos werden in dem Land Drogenhändler bezeichnet. Und: «Es sind nicht 43, es sind Tausende». In Mexiko gelten derzeit mehr als 20 000 Menschen als vermisst.

«Ich marschiere heute mit, weil ich die Ignoranz der Behörden und die Arroganz der Eliten satthabe. Da verschwinden 43 Kameraden, und der Staat tut nichts», sagte Student Pedro Molina der Deutschen Presse-Agentur. Seine Freundin Emilia Carranza sagte: «Ich habe genug von der Gewalt und der Straflosigkeit. Ich möchte stolz auf mein Land sein, aber wie soll das gehen, wenn Dinge wie in Guerrero passieren?»

Auch nahe dem Flughafen von Mexiko-Stadt kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen. Vermummte schleuderten Molotow-Cocktails und Feuerwerkskörper auf die Polizei. Zwei Beamte wurden verletzt, wie die Distriktregierung mitteilte. In San Cristóbal de las Casas im südlichen Bundesstaat Chiapas griffen Randalierer mehrere Geschäfte an und warfen Farbbeutel auf das Rathaus.

Präsident Peña Nieto rief zur Mäßigung auf. «Wir Mexikaner sagen Nein zur Gewalt», sagte der Staatschef bei einer Militärzeremonie anlässlich des Jahrestags der mexikanischen Revolution. «Ein Angriff auf die Institutionen ist ein Angriff auf die Mexikaner.»