Keith Jarretts Köln Concert: Ein Klassiker wird 40

Es ist später Abend. Ein Geschichtenerzähler betritt die Bühne. Aber nicht, um aus einem Buch vorzulesen oder ein bekanntes Märchen vorzutragen. Die Geschichte, die er erzählen wird, hat noch niemand gehört, und auch er selbst kennt sie noch nicht, als der Begrüßungsapplaus verklingt.

Keith Jarretts Köln Concert: Ein Klassiker wird 40
Oliver Berg Keith Jarretts Köln Concert: Ein Klassiker wird 40

Keith Jarrett, 29 Jahre alt, setzt sich ans Klavier, denn er erzählt nicht mit Worten, und spielt vier Töne, die sich im Lauf der nächsten Stunde zu einer großen Klanggeschichte entwickeln. Unter dem Titel «Köln Concert» wird sie weltberühmt.

Am 24. Januar 1975 in der Kölner Oper war das aber nicht abzusehen. Der bestellte Flügel war nicht da, und der Bösendorfer, der irrtümlicherweise auf der Bühne stand, nicht spielbar. Konzertagentin Vera Brandes, erst 18 Jahre alt, setzte Himmel und Hölle in Bewegung - und bekam doch keinen Ersatz. Ohne den Klavierstimmer und seinen fünfstündigen Einsatz hätte es dieses Konzert nie gegeben.

Aber dann, eine Stunde vor Mitternacht, passte doch alles zusammen - die Erwartung des Publikums, der Flügel, der Künstler. «Keith war in einer unglaublich guten Spiellaune», erinnert sich Manfred Eicher, Produzent des Konzerts und Geschäftsführer von ECM Records.

Jarrett hängt diesen Bogen aus vier Tönen in die Luft, legt einen Rhythmus darunter, improvisiert. Komplex aber nicht kompliziert, eingängig, mit Lust am Klang. Hier und da blitzt Humor auf, Elemente wiederholen sich, aber nur, um zur nächsten Überraschung hinzuleiten. Es gibt Lyrik, es wird laut, schwere Anstiege, erlösende Gipfel, Virtuosität, die sich nicht in den Vordergrund drängt. Ein ums andere Mal die für Jarrett typischen Ausrufe und Seufzer.

Wer das Konzert einmal gehört hat, wird es immer wiedererkennen, nach wenigen Tönen nur, das hat es gemeinsam mit Beethoven-Sonaten oder Chopin-Nocturnes. Aber es ist eben kein durchkomponiertes Werk (von der Zugabe abgesehen), sondern es entsteht beim Spielen und Zuhören.

Im Publikum saß auch Matthias von Welck, heute Geschäftsführer der Kölner Jazz Haus Initiative. Was da passierte, habe ihn, damals 18 und Musikstudent, gepackt, sagt er. Und beteiligt war nicht nur Jarrett, sondern auch das Publikum: «Es war eine ungeheure Spannung. Man muss sich vorstellen: In ein Opernhaus kommt ein Jazzpianist. Er hat die Leute richtig mitgenommen, auf eine Reise.»

Das meint auch Brandes, die es heute auch musikmedizinisch erklärt. Jarrett und die Zuhörer seien gleich getaktet gewesen nach den ersten Minuten: «Da fällt von den Leuten etwas ab, und diese Magie hat es heute noch.»

Die Zahl der verkauften Platten, CDs und Downloads des Köln Concert geht auf die vier Millionen zu. Dass es Kult wurde, hat ihm auch Spott eingetragen. Es sei die bestverkaufte Jazz-Solo-Platte, weil es eben eine Pop-Platte sei, lautet ein Vorwurf. Von Welck hält von solchen Schubladen nicht viel. «Ich habe es zu dem Zeitpunkt einfach genossen, diese Musik zu hören. Es war in der Tat sehr anhörbar. Aber ich finde das nicht schlimm - jedes zu seiner Zeit.»

Der letzte Ton in Köln verklang, die Tournee ging weiter. «Wir sind mit dem Auto gefahren, und Keith Jarrett und ich haben immer wieder das Konzert über den Kassettenrekorder im R4 gehört», erzählt Eicher. Irgendwann fiel die Entscheidung, das Köln Concert auf Platte zu pressen, die eigentlich doch flüchtige Improvisation zu konservieren.

Vierzig Jahre später gibt es sogar eine wissenschaftliche Studie über das Konzert (von Peter Elsdon) - und viele Legenden. Eine betrifft die ersten Töne. Jarrett zitiere den Pausengong der Oper, lautet eine (dabei hatte sie eine Klingel). Oder ein Glockenspiel? Filmmusik?. Eicher ist sicher, woher diese Töne kamen: «Von ihm selbst. Keith versucht immer, sich von allen Einflüssen freizumachen, bevor er auf die Bühne geht, vor allem bei Solokonzerten.»