Kerber macht Sensation perfekt - "Kann es nicht glauben"

Nach der größten deutschen Tennis-Sensation seit Boris Beckers Wimbledonsieg 1985 begann für Angelique Kerber der nächtliche Triumphzug.

Kerber macht Sensation perfekt - «Kann es nicht glauben»
Filip Singer Kerber macht Sensation perfekt - «Kann es nicht glauben»

Mit dem Daphne Akhurst Memorial Cup in der Hand lief der neue deutsche Sport-Star durch die Gänge der Rod Laver Arena von Melbourne und konnte es einfach nicht fassen. Immer wieder musste Kerber kichern, schüttelte ungläubig den Kopf. «Ich kann es einfach nicht fassen», sagte sie immer wieder.

Dank einer Weltklasseleistung hatte Kerber zuvor im Finale der Australian Open gegen die amerikanische Weltranglisten-Erste Serena Williams mit 6:4, 3:6, 6:4 gewonnen und damit für den ersten Grand-Slam-Titel einer deutschen Spielerin seit dem Triumph von Steffi Graf bei den French Open 1999 gesorgt. Dass sie in die Fußstapfen ihres großen Idols getreten war, machte Kerber besonders stolz.

Sie verteidigte mit ihrem Triumph zugleich Grafs Grand-Slam-Rekord von 22 Titeln. Williams bleibt nach ihrer erst fünften Niederlage in einem Finale der vier Major-Events bei 21 Erfolgen stehen. Kerber wird nach dem größten Sieg ihrer Karriere am Montag die Nummer zwei der Tennis-Welt sein.

«Puuuhhh», sagte Kerber in ihrer Sieger-Ansprache und rang nach Worten. Doch dann sprudelte es aus der 28-Jährigen nur noch so heraus. «An diesem Abend ist mein Traum wahr geworden. Ich habe mein ganzes Leben hart gearbeitet, und jetzt stehe ich hier und bin ein Grand-Slam-Champion», sagte Kerber. «Das hört sich verrückt an.»

Die Kielerin wollte gar nicht mehr aufhören zu reden. «Danke an meine Familie, an meine Freunde, an mein Team. Ich weiß, manchmal bin ich nicht einfach. Danke an alle.» Williams zeigte sich als faire Verliererin. «Angie, du hast es so sehr verdient. Ich hoffe, du genießt den Moment.»

Kerbers Trainer Torben Beltz war einfach nur stolz auf seinen Schützling. «Das war fast unmenschlich», sagte Beltz. «Sie hat gegen die beste Spielerin der Welt gespielt, aber keine Angst gezeigt. Von so einem Moment träumt man», sagte Beltz, «auch als Trainer».

Zuletzt hatte Sabine Lisicki 2013 in Wimbledon im Finale gestanden, war dort gegen Marion Bartoli aus Frankreich aber chancenlos gewesen. Kerber spielte bei ihrer Premiere in einem Grand-Slam-Finale dagegen überragend und wie entfesselt, nach 2:08 Stunden verwandelte sie ihren ersten Matchball. «Ich habe vor dem Spiel gesagt, dass Kerber das Spiel ihres Lebens spielen muss, um zu gewinnen - und sie hat es gemacht», sagte Tennis-Legende Martina Navratilova.

Ganz Sport-Deutschland gratulierte der Schleswig-Holsteinerin zum Erfolg. ««Yeeeeeees! Gratulation zu diesem historischen Sieg», schrieb zum Beispiel Fußball-Weltmeister Bastian Schweinsteiger bei Twitter. Wimbledon-Sieger Michael Stich meinte: «Was für eine grandiose Leistung in einem Wahnsinnsmatch! Ich bin begeistert! Ich freue mich riesig für Angie und habe vor dem Fernseher auch eine kleine Freudenträne verdrückt.»

Dabei hatte Kerber vor der Partie noch zugegeben, sehr nervös zu sein. Der Tag sei extrem lang gewesen, meinte sie nach dem Einschlagen mit Beltz rund zwei Stunden vor der Partie.

Doch als das bislang wichtigste Spiel ihrer Karriere begann, agierte Kerber so, als habe sie in ihrem Leben noch nie etwas anderes gemacht, als ein Grand-Slam-Finale zu bestreiten. Gelöst und voller Vorfreude nahm sie beim Einmarsch in die Rod Laver Arena den Blumenstrauß aus den Händen eines Kindes in Empfang.

Und auch als die Partie begann, schien ihre Nervosität wie verflogen. Zwar machte sie beim ersten Aufschlagspiel der Amerikanerin keinen Punkt, doch dann brachte sie ihr Service ebenfalls durch. Damit hatte die Norddeutsche sofort ein kleines Ausrufezeichen gesetzt. Doch es kam noch besser. Kerber spielte weiter mutig drauf los und nahm der großen Favoritin das Service zum 2:1 ab. Ein Raunen ging durch das Stadion. Sollte hier die große Überraschung in der Luft liegen?

Kerber wich auch nicht zurück, als Williams sich steigerte. Sie hielt dagegen und brachte deutlich mehr Bälle zurück als alle anderen bisherigen Williams-Gegnerinnen im Turnier zusammen. Williams wirkte verdutzt und leitete sich einen leichten Fehler nach dem anderen. 23 waren es bis zum Ende des ersten Satzes, den sich Kerber nach 39 Minuten unter dem großen Jubel der Zuschauer sicherte.

Im zweiten Durchgang hob Williams ihr Niveau dann aber deutlich an. Zugleich unterliefen Kerber ein paar Fehler mehr, die die dreimalige Grand-Slam-Turnier-Siegerin des vergangenen Jahres zu nutzen wusste. Zum 3:1 gelang ihr das Break, nach insgesamt 72 Minuten schaffte Williams den Satz-Ausgleich. Vor allem deshalb, weil die Amerikanerin ihre Anzahl an leichten Fehlern von 23 auf fünf zurückschraubte.

Doch wer gedacht hatte, nun würde Williams problemlos durch den dritten Satz spazieren, der sah sich getäuscht. Kerber zeigte keine Nerven, spielte weiter mutig und kämpfte um jeden Ball. Der Lohn war ein frühes Break zum 2:0. Allerdings konnte Kerber ihren Vorsprung danach nicht halten und gab sofort selbst ihr Service ab.

Aber auch von diesem Rückschlag ließ sich die Schleswig-Holsteinerin nicht unterkriegen. Zum 4:2 schaffte sie das nächste Break und führte die Nummer eins der Welt dabei mit traumhaften Stoppbällen phasenweise vor. Beim Stand von 5:3 schlug Kerber zum Matchgewinn auf, muste aber wieder ein Break hinnehmen. Doch Kerber machte einfach weiter und wurde nach gut zwei Stunden schließlich belohnt. Danach begannen die Feierlichkeiten für die neue deutsche Tennis-Königin.