Kirill Petrenko gibt «Siegfried» Tiefe und Verve

Bloß nichts ernst nehmen! Dies ist die Devise, die man Frank Castorf unterstellen kann, als er sich Richard Wagners Tetralogie «Der Ring des Nibelungen» vor zwei Jahren vorgenommen hat.

Kirill Petrenko gibt «Siegfried» Tiefe und Verve
Enrico Nawrath Kirill Petrenko gibt «Siegfried» Tiefe und Verve

Jetzt ist der vierteilige Opernzyklus zum dritten Mal bei den Bayreuther Festspielen zu sehen. Und was soll man sagen? Die Gemüter haben sich beruhigt. Denn gerade der dritte Teil, die Oper «Siegfried», war es ja, die in den vergangenen beiden Jahren bei vielen Wagner-Anhängern im Festspielhaus Empörung hervorgerufen hatte.

Buhrufe sind auch am Donnerstagabend zu hören, doch sie vermischen sich mit Bravorufen und klingen eher mau denn energisch. Vermutlich sind all jene, die Frank Castorfs Inszenierung als gotteslästerlich empfinden, gar nicht erst angereist. Oder sind gelassener geworden. Und dann sind da ja sowieso die Sänger, die es zu feiern gilt: Stefan Vinke singt erstmals in Bayreuth den Siegfried - und er wird ausgiebig bejubelt für seine Leistung. Gleiches gilt für Catherine Foster als Brünnhilde, für Wolfgang Koch als Wanderer beziehungsweise Wotan und für Nadine Weissmann als Erda.

Doch die Lautstärke des Jubels im Festspielhaus schwillt noch einmal an, als Kirill Petrenko die Bühne betritt und sich verbeugt. Der Dirigent hat dem Abend einmal mehr seinen Stempel aufgedrückt: Es ist Musik, die keinen Halt bietet, keine Sicherheit. Der Boden schwankt, alles ist im Fluss. Und dabei ungemein mitreißend, klar und transparent. Aber immer droht das Unheil im Hintergrund: Hier gibt es kein Entkommen, hier schreitet alles dem Ende, dem großen Weltenbrand, entgegen. Petrenko und das Orchester erzählen hier die Geschichte, verhandeln die großen Fragen.

Der Inszenierung gelingt das nicht. Siegfried ist ein Halbstarker, der mit der Kalaschnikow um sich ballert. Eigentlich sollte er in heftiger Liebe zu Brünnhilde entbrennen, doch er fliegt auf den Waldvogel. Am Schluss tummeln sich wieder die Plastikkrokodile auf der Bühne, die man schon aus den Vorjahren kennt. Eines verschluckt den Waldvogel, den Siegfried rettet, was Brünnhilde missfällt. Sie reißt den Helden wieder an sich. Slapstick statt großer Liebe.

Das Bühnenbild von Aleksandar Denić ist wieder beeindruckend: Mount Rushmore mit Marx, Lenin, Stalin und Mao statt mit US-Präsidenten, auf der anderen Seite der Drehbühne der Berliner Alexanderplatz. Eine schlüssige Brücke zwischen dem Alexanderplatz und der Handlung in «Siegfried» ist bislang nicht geschlagen worden. Andererseits: Warum auch nicht der Alexanderplatz? Castorfs Rezept ist eher das der Collage, disparat scheinende Teile werden irgendwie verknüpft, Videos fangen immer wieder das Geschehen auf und hinter der Bühne in Echtzeit ein.

Das große «Ring»-Finale steigt am Samstag mit der «Götterdämmerung». Erst dann wird sich - wie in Bayreuth üblich - das Regieteam dem Publikum zeigen. Castorf kann gelassen sein. Im kommenden Jahr dann wird sich viel verändern bei dem Mammutwerk, denn Petrenko kehrt nicht ans Pult zurück, Marek Janowski übernimmt. Es wird ein völlig anderer «Ring» werden, man muss neu sortieren: Denn Petrenko, so ist einmal mehr deutlich geworden, hält hier die Fäden in der Hand. Er ist der Publikumsliebling, der der Produktion Tiefe, Ernst und zugleich Verve verleiht.