Kleine Spartengewerkschaften und die Tarifeinheit

Vor allem im Schienenverkehr, in Krankenhäusern und in der Luftfahrt spüren Bürger immer wieder den Einfluss kleiner Spartengewerkschaften. Das Bundesarbeitsgericht kippte 2010 den Jahrzehnte gültigen Grundsatz «Ein Betrieb - ein Tarifvertrag».

Kleine Spartengewerkschaften und die Tarifeinheit
Boris Roessler Kleine Spartengewerkschaften und die Tarifeinheit

Nun will die Bundesregierung Tarifkämpfe wie bei der Bahn per Gesetz eindämmen. Ein Überblick über kleine Gewerkschaften mit großer Macht:

GEWERKSCHAFT DEUTSCHER LOKOMOTIVFÜHRER (GDL): Sie hat rund 34 000 Mitglieder und ist Tarifpartner der Deutschen Bahn und mehrerer Privatbahnen. Nach eigenen Angaben sind bei ihr mehr als 80 Prozent der Lokomotivführer und zahlreiche Zugbegleiter organisiert. Die kleine Gewerkschaft will auch für Gastronomen in Speisewagen, Lokrangierführer, Trainer und Zugdisponenten Tarifverträge aushandeln. Die Tarifeinheit könnte den GdL-Ansprüchen nach Ansicht des Düsseldorfer Arbeitsrechtlers Daniel Schultheis einen Riegel vorschieben. Die große Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) wiederum beansprucht die Verhandlungen für die Lokführer. «Für die GdL wäre das Gesetz die größte Bedrohung», sagt der Tarifexperte Heiner Dribbusch von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.

VEREINIGUNG COCKPIT (VC): Die Pilotenvereinigung vertritt die Interessen von rund 9300 Cockpit-Besatzungsmitgliedern aus allen deutschen Airlines und von Verkehrshubschrauberführern. Bisher machen sich Cockpit und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi laut Dribbusch aber ihre Zuständigkeitsbereiche nicht streitig: «Für die Piloten der Lufthansa beansprucht keiner außer Cockpit zu verhandeln.»

MARBURGER BUND (MB): Die nach eigenen Angaben einzige tariffähige Ärztegewerkschaft in Deutschland kämpft unter anderem für bessere Arbeitsbedingungen ihrer rund 115 000 Mitglieder in Kliniken. Der Marburger Bund sieht durch die geplante Neuregelung zur Tarifeinheit sein Streikrecht bedroht. Auch Verdi mischt in der Tarifpolitik der Krankenhäuser mit. Aber: «Verdi hat bei den Ärzten nur sehr wenige Mitglieder», sagt Dribbusch.